frage: eine woche nach der entführung stand im spiegel der
donnerstag letzter woche sollte für lorenz ein kurzer tag werden; erstmals
seit wochen wollte er am abend früh zuhause sein. um 8.52 uhr ließ sich der
spitzenkandidat (der cdu) von seiner frau marianne (die schwäne sind da,
jetzt wird's frühling) in zehlendorf verabschieden, sagte noch bis heute
abend- und rollt in seinem schwarzen dienstmercedes, gesteuert vom fahrer
werner sowa, zwischen grunewald und einfamilienhäusern davon in einen
langen tag. gesehen wurde lorenz erst wieder gut 24 stunden später auf
einem frischen polaroidfoto, acht mal acht zentimeter, ohne brille, vor
sich ein pappschild mit der aufschrift gefangener-. die, die ihn
knipsten und das bild dpa schickten, hatten ihn am donnerstag (den
27.2.1975) um 8.55 uhr gekidnappt, rund 1 500 m entfernt von seiner villa,
nachdem sein mercedes von einem viertonner blockiert und von einem fiat
gerammt und fahrer sowa mit einem besenstiel niedergeschlagen worden war.
war es so?
reinders/fritzsch
fast. bis auf den besenstiel. der besen
war nur tarnung. eigentlich war es ein eisenrohr, das mit isolierband
umwickelt war. und was der spiegel nicht wissen konnte, war, was für
probleme wir hatten auf der einen seite des quermatenwegs ist wald, auf der
anderen seite stehen lauter villen. und der, der den fahrer
niedergeschlagen hat, hat auf der anderen seite am wald gestanden und dort
den wald gefegt. und weil peter lorenz an dem tag eine stunde verspätung
hatte, hat der eine stunde lang den wald gefegt und das ist niemandem
aufgefallen.
wie lang hattet ihr lorenz gefangen gehalten?
fünf tage.
was waren eure forderungen?
eine forderung war, die demonstranten, die wegen der holger
meins-demo1 noch saßen, freizulassen. dann sollten sechs gefangene
ausgeflogen werden
gabi kröcher-tiedemann, rolf heißler, rolf pohle, ina
siepmann, verena becker und horst mahler.
die aktion müßt ihr doch ziemlich gut geplant haben, wann habt
ihr denn mit den vorbereitungen angefangen?
eigentlich hatten wir vor, erstmal viel geld zu besorgen,
weil wir ziemlich blank waren. die banküberfälle, die wir vorher gemacht
hatten, haben zwar geld gebracht. das hat aber immer nur für ein paar
monate gereicht, weil wir zusätzlich legale sachen finanziert haben wie
zeitschriften oder radiosender. also haben wir gedacht, das problem lösen
wir grundsätzlich, indem wir uns irgendeinen geldsack in berlin schnappen.
damit wollten wir gleichzeitig die ganze gruppe für die spätere
befreiungsaktion einüben.
wir haben uns über ein paar berliner geldsäcke informiert.
schließlich haben wir jemand gefunden. wir gaben ihm den decknamen
sergeant-. in anlehnung an die lp der beatles sergeant pepper's lonely
hearts club band-, denn der hieß eigentlich pepper. der pepper war
mitbesitzer des europacenters. nach allem, was wir an informationen hatten,
dürfte der so um die sechs millionen schwer gewesen sein, das heißt, der
hätte so eine summe flüssig machen können. der hatte überall in berliner
bausachen seine finger drin.
für so eine aktion brauchten wir einen grossen keller oder zwei wohnungen
übereinander. der entführte sollte bei uns gute haftbedingungen haben. wir
wollten nicht die geschichten, wie sie aus mafiasachen bekannt sind, daß
die entführten dann in engen kisten sitzen mußten und nachher schwere
körperliche schäden hatten. schließlich haben wir dann einen laden in der
schenckendorfstraße 7 gefunden.
als wir den entdeckt haben, waren wir zum ersten mal alle einer meinung:
den wollen wir mieten; trotz des cdu-büros gegenüber und der friesenwache
um die ecke.
dann haben wir allmählich weitere vorbereitungen für peppers entführung
getroffen. wir wollten, daß die bullen nicht auf uns kommen, sondern an
normale kriminelle denken. sie sollten nicht vorzeitig wissen, daß wir zu
so einer aktion in der lage sind. deswegen mußten wir die dazu notwendigen
autos anders als sonst besorgen2.
du konntest damals bei jeder post in berlin warten: die autofahrer stiegen
aus und ließen den motor laufen. wir haben uns eine post ausgesucht, in
deren nähe wir auch garagen hatten. wir wußten, daß die autofahrer ungefähr
dreißig meter bis zum ersten briefkasten laufen müssen. dann kam auch
einer, ist ausgestiegen, hat den motor laufen lassen, und wir haben uns den
wagen geschnappt. so hatten wir schon mal den wagen, ohne eine konkrete
spur zu hinterlassen.
für die geldübergabe sollte der wagen zu einer taxe umgebaut werden, mit
runterklappbarem rücksitz zum kofferraum. einer von uns, so war geplant,
sollte die taxe fahren, in der ein zweiter hinten im kofferraum liegen
würde, um den geldkoffer gegen einen identischen auszutauschen. so wäre für
die bullen, die hinterher fahren, zwar sichtbar, daß der typ mit der taxe
rumfährt, aber nicht, daß dort gleichzeitig die geldübergabe
stattfindet.
außerdem haben wir angefangen, den keller auszubauen. alles, was wir an
zeugs brauchten, haben wir auf baustellen zusammengeklaut. wir wollten die
aktion pepper so anfang bis mitte dezember 1974 durchführen. doch die
entwicklung des hungerstreiks von gefangenen aus der raf und anderer
verhinderte dies. der hungerstreik begann am 13. september 1974 und ging
bis zum 5.2.75. die forderung des hungerstreiks war, daß die gefangenen in
den normalvollzug kommen, das heißt die gleichstellung mit allen anderen
gefangenen.
der hungerstreik war zunächst nicht das problem, weil wir dachten, der wird
wie die ersten zwei höchstens so drei, vier wochen dauern. aber das haben
wir total unterschätzt. zu der zeit liefen aus der ganzen legalen ecke
viele aktivitäten zum hungerstreik. an vielen legalen und weniger legalen
unterstützungsaktionen haben wir uns beteiligt, so daß nicht mehr viel zeit
blieb, um größere aktionen vorzubereiten. mit dem tod von holger meins am
9.11.74 und der erschießung des kammergerichtspräsidenten von drenkmann am
darauffolgenden tag war erstmal kein spielraum mehr für die entführung von
pepper. die aktion gegen drenkmann war eine direkte reaktion der bewegung
2. juni auf holgers tod.
eigentlich war die pepper-aktion für die weihnachtszeit geplant, um die
weihnachtstimmung auszunutzen. durch die fahndung nach der
drenkmann-erschießung ist uns klargeworden, daß wir uns zur absicherung der
lorenz-entführung noch anders vorbereiten müssen, und daß wir beide
aktionen auch zeitlich nicht mehr schaffen würden. der termin für lorenz
stand schon wegen der wahl zum berliner abgeordnetenhaus am 2. märz 1975
fest. also ließen wir peppers entführung ausfallen, was allerdings starke
finanzielle probleme mit sich brachte.
was war die absicht der lorenz-entführung?
gefangene rauszukriegen und das stimmungstief, das damals
herrschte, zu heben. der hungerstreik mit dem tod von holger hat damals
ziemlich reingehauen. es gab zwar eine große mobilisierung, aber psychisch
waren viele ganz schön down. wir wollten auch zeigen, daß es möglich ist,
der scheinbaren allmacht des staates etwas entgegenzusetzen. für uns war
das später im knast einer der hauptdiskussionspunkte, ob die
lorenz-entführung nicht ein fehler war, weil wir hinterher den eindruck
hatten, daß ab diesem zeitpunkt alle nur noch daraufhinarbeiteten,
gefangene rauszuholen, daß die gefangenen mit einem mal total im
mittelpunkt standen und ansonsten politisch nichts mehr weiterging.
wir wollten, daß es ein erfolg wird. wir hätten die geschichte
nicht gemacht, ohne zu glauben, daß wir auch eine realistische chance auf
einen austausch hatten. anders als bei der späteren botschaftsbesetzung in
stockholm im april 1975, wo das raf-kommando holger meins 26 gefangene
auf der liste hatte, sind wir davon ausgegangen, daß der staat sich niemals
darauf einlassen würde, so viele rauszulassen. wir haben angenommen, daß
eine freilassung von mehr als sechs oder sieben gefangenen nicht
durchsetzbar wäre. das wurde uns sogar hinterher vorgeworfen wir seien
kompromißlerisch, weil wir nicht das unmögliche gefordert hatten.
es gab eine lange diskussion darum, wen wir auf die liste setzen. die
grundüberlegung war: wir wollten von allen fraktionen möglichst jemanden
drauf haben. dabei hatten wir auch an ulrike meinhof gedacht. in stammheim
saßen neben ulrike auch andreas baader, jan-carl raspe und gudrun ensslin.
wir hatten uns schon vorher überlegt, daß sie nicht alle vier rauslassen
würden. aber dann hatten wir das problem, daß die stammheimer gefangenen
gesagt haben, sie wollen bestimmen, wer auf die liste kommt.
ihr habt in stammheim angefragt?
ja, aber wir mußten natürlich sehr undeutlich bleiben. also
verstanden hatten sie's schon. als antwort kam
wir wissen von einem
dutzend befreiungsaktionen, aber der berliner sumpf ist mit sicherheit
nicht dabei.
und zwei, drei wochen später haben sie es dann nochmal
diskutiert und meinten, wir sollten ihnen in den knast schreiben und
erzählen, was wir vorhaben. da haben wir uns natürlich an den kopf gefaßt.
und von mehreren raf-frauen, aber auch von ina siepmann, die von uns war
und die damals alle in der berliner frauenhaftanstalt lehrter straße saßen,
kam dann alle oder keine.
die überlegung von uns, die diskussion mit den raf gefangenen abzubrechen
und keinen von ihnen auf die liste zu nehmen, geschah natürlich auch in
kenntnis dessen, daß die raf selbst eine befreiungsaktion vorbereitete.
wilfried böse3 von den revolutionären zellen (rz) war damals in berlin und
versuchte seinerseits, eine kombinierte operation von 2. juni, raf und rz
anzuleiern. wir wußten nicht, daß es sich um stockholm handeln würde. das
lief alles kurz vor der lorenz-aktion.
die aktion war schon weitgehend vorbereitet, und die wollten dazu zwei bis
drei leute von uns, die sich daran beteiligen sollten. das haben wir
abgelehnt. erstens wegen der herangehensweise und zweitens wegen der
aktionsform. sie wollten eine aktion in der luft und eine am boden machen.
das hieß: flugzeugentführung und botschaftsbesetzung. und da haben wir
gesagt, das machen wir grundsätzlich nicht!
warum wolltet ihr das nicht?
flugzeugentführungen gab es damals vor allem von
palästinensischen gruppen. wir hatten darüber diskutiert und meinten, daß
die damit auf ihre besondere situation aufmerksam machen wollen und wir uns
damals nicht anmassen wollten, deren aktionen zu beurteilen. wir aber haben
aus unserem selbstverständnis heraus geiselnahmen von unbeteiligten dritten
abgelehnt und für konterrevolutionär gehalten. wir greifen nicht die leute
an, die wir agitieren wollen. und bei einer botschaftsbesetzung, das kam
noch hinzu, weiß der feind auch noch, wo du bist, kann dich einkreisen und
läßt dich nicht mehr gehen.
zurück zu eurer aktion.
am anfang hatten wir überlegt, nur gefangene zu befreien,
die in berlin einsaßen. wir wußten nicht, welche stelle im staatsapparat es
sein wird, die die entscheidung letztendlich fällt. später stellte sich
heraus, daß es beim großen krisenstab in bonn zwei linien gab. das war
die strauß/kohl-linie, die zum austausch bereit war, und die
schmidt/wehner-linie, die gesagt hat
machen wir nicht, harte linie.
darauf hat dann der regierende bürgermeister berlins, klaus
schütz, gesagt, falls sich die bundesregierung quer stellt, bietet er eine
lokale lösung in berlin an, weil er die geschäftsbedingungen mit uns
aufrechterhalten will. damit hat er sich beim großen krisenstab in bonn
dann durchgesetzt.
was waren das für verschiedene fraktionen, aus denen die
gefangenen kamen?
bevor wir uns bewegung 2. juni genannt haben, hatten wir
aktionen unter verschiedenen namen gemacht. wir zum beispiel hatten uns
vorher tupamaros westberlin genannt. die genossinnen in münchen nannten
sich tupamaros münchen und die im ruhrgebiet rote ruhrarmee. rolf
heißler kam von den tupamaros münchen und hat sich im knast politisch der
raf angenähert. aber das wesentliche, weshalb er auf die liste mit drauf
sollte, war, daß er zu der zeit der isolierteste gefangene in der brd war.
die bayern haben den total isoliert. er hatte acht jahre wegen
banküberfalls. rolf pohle war auch von den tupamaros münchen. er hatte
wegen waffenbeschaffung und anderer kleinigkeiten wie fälschliches führen
eines akademischen grades sechs jahre haft. horst mahler war mitbegründer
der raf. er war zu 12 jahren wegen mitgliedschaft in der raf und
beteiligung an banküberfällen verurteilt worden. er orientierte sich
mittlerweile an der maoistischen kpd/ao. gabi kröcher-tiedemann kam von
denen, die die rote ruhrarmee gemacht haben. sie war wegen einer schießerei
mit den bullen zu acht jahren knast verurteilt worden. verena becker und
ina siepmann waren von uns. ina war zu 13 jahren wegen banküberfall und
verena zu 7 jahren wegen eines bombenanschlags verurteilt.
wieviele es sein sollten, hatten wir uns vorher genau überlegt.
mehr als fünf oder sechs freizubekommen, hielten wir für unrealistisch. es
sollten auch nicht sechs sein, die alle lebenslänglich haben. das wäre
ebenfalls schwierig geworden.
hattet ihr nicht noch andere leute vom 2. juni gefragt, ob
sie raus wollten?
wir hatten noch bei peter paul zahl angefragt. er hatte
gerade vier jahre gekriegt und sagte, er wolle nicht, weil sich das nicht
lohnt. später hat er dann im revisionsverfahren 15 jahre bekommen. der hat
echt pech gehabt.
wir haben auch über sigurd debus4 diskutiert. aber der einzige
von uns, der ihn kannte, hat fürchterlich über den geschimpft, er wäre ein
stalinist und würde ohne rücksicht auf andere seine sachen durchziehen, was
dann nach der befreiung, dort unten ein risiko für uns hätte sein können.
im nachhinein haben wir es als fehler erkannt, uns in bezug auf debus nur
auf die meinung eines einzelnen verlassen zu haben.
haben die gefangenen, die dann ausgeflogen wurden, vorher
signalisiert, daß sie damit einverstanden sind?
wir sind nicht an alle rangekommen.
wer von euch hat entschieden, wer auf die liste kommt?
das wurde mit allen an der aktion unmittelbar beteiligten
gemeinsam diskutiert. die endgültige entscheidung, wer auf die liste kommt,
fiel erst, als lorenz im keller war und die forderungen getippt
wurden.
wieviele haben das denn entschieden?
naja, so ca. sechs bis fünfzehn leute.
erzählt doch mal über die planung.
daß wir lorenz nehmen, war eigentlich von anfang an klar.
nach umfragen sah es so aus, daß lorenz als spitzenkandidat der cdu die
wahl gewinnen würde. es gab die überlegung, daß die regierende spd den
mutmaßlichen wahlsieger nicht einfach über die klinge springen lassen kann.
wir hatten aber auch mal kurz über lummer diskutiert.
das wäre auch reizvoll gewesen.
es gibt aber leute, die kannste einfach nicht wieder
rauslassen. außerdem wollten wir ja einen erfolg. der lorenz galt bei
vielen leuten in der cdu als zu liberal. lummer dagegen hatte zu der zeit
seine freunde von der npd dafür bezahlt, damit sie juso-parolen auf die
cdu-plakate malen. lummers glück war, daß er kein spitzenkandidat war. es
wäre für ihn wohl ziemlich peinlich gewesen, wenn wir den bloß in einen
schuhkarton gepackt hätten, weil der ist ja nicht so groß. dafür wäre er
wesentlich leichter gewesen.
wann ging's denn nun eigentlich richtig los?
konkret wurde es dann zu weihnachten 1974. da haben sich
alle, die an der aktion teilnehmen sollten, zu einem weihnachtsmeeting
getroffen. zuerst wurde ein fisch gebraten und eine gans in die röhre
geschoben. dann haben wir uns hingesetzt und nochmal das buch wir, die
tupamaros5 gelesen, besonders diese eine entführungsgeschichte. das war so
eine lustige geschichte, daß bei dem typen damals das betäubungsmittel
nicht angeschlagen hat, weil der alkoholiker war. die hatten den da
vollgepumpt und der hörte nicht auf, immer mehr und mehr zu quatschen, der
war richtig high. nachdem wir lorenz hatten, wußten wir, was die damit
meinten.
am nächsten tag haben wir mit lauter kleinen spielzeugautos den
plan durchgespielt. das war die konstante gruppe. zu der zeit schmiedeten
wir die groben umrisse des ablaufs und legten teilweise die personen für
die aktion fest.
beinahe hätte sich die gruppe dann gespalten. das lag an zwei leuten, die
ziemlich viel scheiße bauten und sehr eigenwillig waren. einer hatte wieder
mal irgendwas nicht gemacht, wozu er fest eingeteilt war. der andere war
mit der knarre ins jugendzentrum gegangen und hat dort den breiten
gemacht.
und wie ging das dann weiter?
naja, die beiden haben dann, ähm, selbstkritik geübt. wir
hatten aber auch ein objektives problem
wir hatten nur noch acht wochen
zeit. es gab zwar genügend andere leute, die wir hätten ansprechen können,
aber die beiden waren ja nun schon in die vorbereitungen eingeweiht und
hatten aufgaben übernommen.
im januar räumten wir dann alle wohungen auf, weil wir damit
rechneten, daß die fahndung heftig würde. viele sachen haben wir versteckt,
zum beispiel die ganzen waffen, die wir gerade nicht brauchten, haben wir
verbuddelt. später war es dann ziemlich schwierig, die wiederzufinden, weil
bäume wachsen ja mit der zeit. später im knast haben wir mal so eine
anfrage gekriegt, wo wir was verbuddelt haben. das erklär mal, wenn das
irgendwo im wald ist. wir hatten früher selbst schon mal nach einem solchen
alten depot gesucht, das unser schweizer kollege, der säuberli6, angelegt
hatte. da haben wir gebuddelt und waren so tief, daß wir schon aufgeben
wollten. aber wir sagten uns, das ist ein schweizer, laßt uns weiter
buddeln. und tatsächlich, wir dachten schon, jetzt kommt das grundwasser,
da kam das zeug endlich zum vorschein. der war halt sehr ordentlich, der
säuberli.
nach weihnachten haben wir die wege von lorenz ausgecheckt. es war nicht
einfach, in der gegend, wo der wohnte, nicht aufzufallen. der ablauf war
jeden tag der gleiche: sein fahrer kam an und wartete kurz vor der tür.
dann kam lorenz heraus und setzte sich auf den beifahrersitz. das lief
immer ab wie ein uhrwerk. nur ausgerechnet an dem tag seiner entführung
hatte er eine stunde verspätung. wir haben den immer bloß aus der distanz
gesehen. wir hatten geschätzt, daß der so 180 bis 182 zentimeter groß ist
und etwa 80 kilo wiegt. das mußten wir ja wissen, um den in die kiste zu
kriegen. und als wir den dann endlich hatten, war das wirklich ein problem.
der war so riesengroß und sauschwer, so daß die kiste nicht zuging, obwohl
er ja sehr hilfsbereit war. da konnten wir echt nicht meckern, er war ein
guter gefangener.
es gab viele technische probleme zu lösen: wie können wir den wagen
stoppen, wie kriegen wir den fahrer raus oder wie bringen wir lorenz im
wagen dann zur ruhe. wir hatten auch ein medizinisches problem wegen des
betäubungsmittels. keiner von uns hatte davon eine ahnung. nach längerem
medizinischem studium und beratung durch, äh, fachleute sind wir auf
haloperidol7 gekommen, weil das die natürlichen reflexe erhalten soll,
damit er nicht an seiner zunge erstickt.
zum stoppen haben wir einen kleinen lkw genommen, den wir mit einer
falschen pappe gemietet hatten. dann gab es ein psychologisches problem:
wie kriegt man eigentlich den fahrer raus? der lkw fährt aus einer
seitenstraße heraus und zwingt den wagen zum anhalten. dann fährt ihm eine
frau hinten drauf. die tut ganz erschreckt, schöne lange blonde perücke und
wie die typen so sind, steigt der mit sicherheit aus. und das hat so voll
hingehauen. das gesicht von dem, als der ausgestiegen ist, in dieser
großmännischen haltung, hat sich die beule angeguckt, so in dem sinne, na,
was haben sie denn da gemacht. und boing, hat er eins drüber gehabt.
uns ist beinahe eine panne passiert. der wagen, der hinten drauffahren
sollte, hatte funk und sollte dem im laster, der weiter vorne war, bescheid
sagen, wenn lorenz kommt. und dann kam ein schwarzer mercedes. es kam aber
kein funkbefehl und der im lastwagen dachte, da ist irgendwas mit dem funk
schiefgelaufen und ist dann losgefahren. in dem wagen saß aber der
amtsgerichtspräsident, der spätere polizeipräsident scherz. der sagte im
nachhinein, es wäre ihm schon komisch vorgekommen, daß da so ein laster
vor- und dann wieder zurückgefahren sei. da hätten wir beinahe den falschen
mitgenommen.
nachdem der fahrer von lorenz eins auf die mütze gekriegt hatte, sind vier
von uns in den wagen von lorenz gestiegen. zwei hinten, einer ans lenkrad
und einer dem lorenz vorne auf den schoß. wir sind dann zur tiefgarage
gefahren. zur deckung ist noch ein zweiter wagen hinterhergefahren. zum
umsteigen haben wir eine ganz hervorragende tiefgarage in der kantstraße
genommen. bloß der, der dort wartete, mußte eine stunde länger warten und
wußte überhaupt nicht, was passiert ist, weil er keinen funk hatte.
wie hat denn der lorenz reagiert?
erstmal hat er um hilfe gerufen, gestrampelt und dabei die
frontscheibe rausgetreten. der hatte verdammt lange beine. das ging alles
ziemlich schnell. dann hat er eins auf die nase gekriegt, und ihm ist
gesagt worden, daß er an drenkmann denken soll und ruhe geben soll. und er
hat gesagt, ist in ordnung, ist in ordnung, er macht das schon. dann hat
ihm einer das hosenbein aufgeschnitten und ihm die spritze gegeben. lorenz
saß auf dem beifahrersitz, einer auf ihm drauf und von hinten hat ihm einer
was um den kopf gewickelt, ein handtuch. damit sah der noch größer aus. und
handschellen hat er auch noch angehabt.
ihr seid also mit einem typ, der ein handtuch um den kopf hat,
dem einer auf dem schoß sitzt, zu fünft und ohne windschutzscheibe
losgefahren?
ja, mit 160 über die avus. da hat sich auch noch später ein
zeuge gemeldet, der uns auf der avus entgegenkommen ist. der ist selber 120
gefahren und will genau den erkannt haben, der aufm fahrersitz saß und daß
der einen roten schlips anhatte. wir mußten auf der autobahnabfahrt halten,
da beim funkturm. unser anblick hat keinen gestört. da haben autos neben
uns gestanden, fußgänger haben mal eben reingeguckt, aber sonst nichts. in
der tiefgarage war alles ruhig. nur der deckungswagen hatte ein problem. er
ist uns kaum hinterhergekommen. obwohl er nagelneu geklaut war, war die
kupplung im arsch.
war lorenz da schon betäubt?
das hat noch nicht gewirkt. in der tiefgarage ist er dann in
den kofferraum des anderen autos gekommen. wir hatten eine fahrtroute
ausgewählt, wo wir bis kreuzberg auf keiner hauptstraße gefahren sind. wir
dachten, die würden die kreuzungen auf den hauptstraßen dicht machen,
sobald es alarm gibt. das war eine fahrt ...
der spiegel schrieb damals
minuten nach der entführung
löste die polizei die größte fahndungsaktion in der geschichte westberlins
aus 5 hubschrauber, 200 streifenwagen, 10 000 fahnder, 100 000 mark
belohnung, noch einmal 50 000 vom rechten bund freies deutschland. habt
ihr davon was gemerkt?
zu dem zeitpunkt noch nicht. eine von uns hat immer
versucht, lorenz zu beruhigen. und der hat geredet wie ein wasserfall, was
denn nun mit ihm ist, und was jetzt passiert usw. der ist uns total auf den
zünder gegangen. später haben die bullen eine luxuslimousine mit großem
kofferraum gesucht, in die lorenz reingepaßt hätte. das war die erfahrung
nach den banküberfällen, als die bullen meistens große autos angehalten
haben. aber du glaubst gar nicht, wie groß so ein kofferraum von einem golf
ist. dann sind wir bis zum friedhof gefahren, in eine kleine seitenstraße
in der hasenheide in kreuzberg, wo wir ständigen blickkontakt zum
haupteingang der bullenwache in der friesenstraße hatten.
dort stand ein ford-transit. und da ist er in die kiste
gekommen. das war um 9.30 uhr. dann sind wir zum laden in die
schenkendorffstraße gefahren. jetzt kam der schwierigste teil, denn er
mußte in den laden reingetragen werden. dort standen drei alte frauen auf
der straße und haben palavert, wie das manchmal so üblich ist. also die
kommode war ja schon schwer genug, aber dann noch der typ drin, ich sage
dir, da soll noch mal einer sagen, revolutionäre arbeit sei keine
schwerstarbeit. da waren wir auch nicht alle bei, weil wir mußten ja noch
den deckungswagen in eine garage in neukölln fahren. und dann ging noch die
klappe auf, weil der lorenz war ja auch nervös da drin. zum glück hat er da
nicht mehr gequatscht. da hat das zeug wohl doch langsam gewirkt. von dem
zeitpunkt an, als er die spritze bekommen hat, bis zum laden war bestimmt
eine stunde vergangen.
und was habt ihr mit den omas gemacht?
gar nix, da hätten wir ja ewig warten können. wir sind an
denen einfach vorbeigelaufen.
und die kiste habt ihr zu viert getragen?
ja, im laden mußte er dann die leiter runtersteigen, weil
wir da einen durchbruch gemacht hatten, um in den keller zu kommen. der
keller bestand aus zwei räumen. der eine raum, der sehr niedrig war, war
über eine luke im boden zugänglich. diesen raum haben wir von dem anderen
durch eine mauer abgetrennt. den zweiten raum haben wir ausgebaut, nach
oben einen durchbruch in die küche gemacht und einen teppich
darübergelegt.
ihr habt doch die entführung bewaffnet durchgeführt. was
hättet ihr denn gemacht, wenn der fahrer bewaffnet gewesen wäre und
geschossen hätte?
deshalb hat der ja gleich eins über die rübe gekriegt, damit
er gar nicht erst zur knarre greifen kann. und außerdem hatten wir den
fahrer auch noch abgetastet, um sicher zu gehen. zudem war noch einer von
uns mit einer maschinenpistole vor ort, um uns abzusichern. die planung war
so, daß wir einen schußwechsel auf jeden fall vermeiden wollten. wenn es
von vorneherein einen toten gegeben hätte, wären die chancen für einen
austausch minimal gewesen.
und so ein schlag mit einer eisenstange?
das haben wir lange diskutiert, und da kann man auch nicht
genug drüber diskutieren.
habt ihr geübt oder was? das ist doch schwierig, so
zuzuschlagen, daß der nicht bei draufgeht.
wir hatten jemand ausgesucht, der schon ein bißchen
erfahrung hatte. der war boxer und wußte schon wie doll er zuschlagen kann.
er konnte sehr gut dosieren.
als wir im laden waren, haben sich alle den lorenz erstmal angeguckt.
lorenz wollte die chefs sprechen. den kommandeur oder sowas. wir haben
gesagt, chefs gibts hier nicht.
wart ihr unkenntlich?
wir hatten einheitsoveralls, von oben bis unten durchgehend,
diese blaumänner mit langen ärmeln. dazu eine kapuze, selbstgebastelte
dinger aus bettlaken mit zipfeln und schlitzen drin. bei der aktion selbst
waren alle verkleidet, so mit bärten und sowas.
aber lorenz war ja sowieso blind, der hat ja eine brillenstärke
so wie fritz teufel gehabt, irgenwas um sieben. das wußten wir da aber noch
nicht, weil der ansonsten oft eine brille aus fensterglas trug, wegen der
werbefotos.
im keller war eine zelle, mit einem maschendraht davor und einem roten
vorhang. wenn er aufs klo mußte, haben wir natürlich dezent den vorhang
vorgeschoben. es gab dort einen vorraum, wo auch die leiter nach oben ging.
dahinter war ein kleiner raum, wo die wache gesessen hat. er hatte ein
feldbett, einen eimer und ein gymnastikprogramm an der wand, wo drauf
stand, was er morgens machen kann, tisch und stuhl. das war eigentlich ein
normal ausgerüstetes gefängnis. eine lampe hat er auch gehabt, zwei sogar.
und was zu lesen hat er auch gekriegt, so politliteratur.
die tageszeitungen hat er zensiert gekriegt. alles was ihn betroffen hat,
war ausgeschnitten. das haben wir gemacht, damit er keine versteckten
informationen kriegen kann, die durchaus in der zeitung hätten stehen
können. im grunde hat er nur die ränder gekriegt mit ein bißchen reklame
drin. das ding sah aus wie diese scherenschnitte. das war das einzige,
worüber er sich nachher beschwert hat. das fand er nicht so gut.
sonst hätte er aber auch mitbekommen können, wie weit die fahndung
fortgeschritten ist. und das hätte ihm nur mehr angst gemacht. vom ersten
augenblick an, hat er uns gesagt, seine größte angst ist die, daß die
bullen uns finden. die burschen, er hat immer nur von den burschen
geredet.
das war seine größte angst?
ja, er hatte ja gar nicht mal so große angst, daß wir ihn
umlegen könnten, sondern die. daß die bullen, wenn die uns finden, einfach
nur reinhalten und uns alle umlegen, ihn eingeschlossen.
als lorenz im keller war, habt ihr ihm gesagt, wer ihr seid?
ja, da haben wir noch dieses foto gemacht. da hat er sich
ein bißchen gesträubt, da wollte er das schild nicht halten. für uns kam
erschwerend hinzu, daß wir alle krank waren. einer von uns hatte eine
grippe eingeschleppt.
lorenz hat hinterher ausdrücklich betont, daß er von uns gut
behandelt worden sei. und abends, als ihm dann langweilig geworden ist, und
weil er keine nachrichten sehen durfte, er aber fernsehen wollte, hat er
sich, was war das noch, ohnesorg theater8 angesehen mit der bewachung
zusammen. er hat dann zur kenntnis genommen, daß wir auch gelacht haben.
das hat er später im gerichtssaal erklärt.
ansonsten habt ihr ihm auch einen knopf wieder angenäht und so.
wir haben dem die hose wieder repariert.
ihr habt sie ihm ja auch kaputtgemacht.
außerdem hat er neue unterwäsche gekriegt. und schach
gespielt haben wir mit ihm.
maskiert mit ihm schach gespielt?
wobei im gericht dann gefragt wurde, ob er denn gewonnen
hat, da hat er gesagt, er hätte auch mal gewonnen, aber er hätte den
eindruck gehabt, wir hätten ihn gewinnen lassen.
aber, was habt ihr erstmal nach dem foto gemacht?
da haben wir die erklärung geschrieben. zwei waren immer
oben, zwei unten und das ging dann immer rauf und runter, weil ja alle
mitdiskutieren wollten.
und dann habt ihr geschrieben
heute morgen haben bewaffnete frauen und männer der
bewegung 2. juni den parteivorsitzenden der berliner cdu, deren
spitzenkandidaten für die abgeordnetenhauswahlen am 2. märz, peter lorenz
gefangengenommen. die entführung mußte bewaffnet durchgeführt werden, da
lorenz sich auf einen solchen fall vorbereitet hatt
sein chauffeur und
leibwächter war mit einer schußwaffe ausgerüstet. peter lorenz ist
gefangener der bewegung 2. juni. als solcher wird er nicht gefoltert oder
unmenschlich behandelt; im gegensatz zu den über 60 000 gefangenen in den
zuchthäusern der brd und berlin. als unser gefangener wird es ihm besser
gehen als den häftlingen in den staatsknästen, allerdings wird ihm auch
nicht der komfort seiner zehlendorfer villa zugute kommen. peter lorenz
wird verhört werden. er wird über seine verbindungen zur wirtschaft, zu den
bossen und zu faschistischen regierungen erzählen müssen. lorenz ist von
uns entführt worden, weil er als vertreter der reaktionäre und bonzen
verantwortlich ist für akkordhetze und bespitzelung am arbeitsplatz, für
den aufbau von werkschutz und antiguerillagruppen, für berufsverbote, dem
neuen demonstrationsrecht, verteidigereinschränkung und für die
aufrechterhaltung des diskriminierenden § 218. als cdu-chef hat er sich zum
propagandisten des zionismus, der aggressiven eroberungspolitik des staates
israel in palästina gemacht, und nimmt durch besuche in israel und
geldspenden an der verfolgung und unterdrückung des palästinensischen
volkes teil. genauso hat er blutigen anteil am militärputsch durch pinochet
und konsorten in chile. seine partei ist es, die die junta durch
geldspenden die repression ausführen läßt, die jede freiheitliche gesinnung
erbarmungslos verfolgt und blutig niederschlägt, tausende von chilenen in
kz's foltert und ihre macht durch tägliche blutbäder
aufrechterhält.
unsere forderungen:
1. sofortige freilassung, d.h. annulierung der urteile der gefangenen,
die bei demonstrationen anläßlich der ermordung des revolutionärs holger
meins in berlin verhaftet und verurteilt sind. diese forderung ist
innerhalb 24 stunden zu erfüllen.
2. sofortige freilassung von
verena becker
gabriele kröcher-tiedemann
horst mahler
rolf pohle
ina siepmann
rolf heissler
die in westdeutschland gefangen gehaltenen genossen
kröcher, pohle und heissler sind binnen 48 stunden nach west-berlin
einzufliegen. eine boeing 707 hat in west-berlin vollgetankt und mit 4 mann
besatzung bereitzustehen. die obengenannten genossen werden bis zu ihrem
reiseziel von einer person des öffentlichen lebens begleitet. die person
ist der pfarrer und bürgermeister a.d. heinrich albertz. außerdem sind den
6 genossen jeweils 20.000.- dm auszuhändigen. diese forderungen sind binnen
72 stunden zu erfüllen.
3. veröffentlichung dieser mitteilung in form von anzeigen in folgenden
tageszeitungen: ....
4. während der ganzen zeit seiner gefangenschaft fordern wir absolute
waffenruhe von seiten der polizei. keine präsenz auf den straßen, keine
kontrollen, keine hausdurchsuchungen, keine festnahmen, keine
fahndungsphotos, keine fahndungsersuchen an die bevölkerung.
bei nichterfüllung oder auch nur dem versuch der täuschung ist die
unversehrtheit des gefangenen bedroht.
alle forderungen sind gleich wichtig.
wir wollen keine geheimverhandlungen. nachrichten des staatsappates an
uns und ablauf der freilassung der genannten genossen samt ihrem abflug
müssen über funk und fernsehen abgewickelt werden. bei präziser erfüllung
aller forderungen ist die unversehrtheit und freilassung des gefangenen
lorenz garantiert. andernfalls ist eine konsequenz wie im falle des
obersten richters g.v. drenkmann unvermeidbar.
an die genossen im knast:
wir würden gern mehr genossen von euch herausholen, sind aber bei
unserer jetzigen stärke nicht dazu in der lage.
an die bevölkerung berlins:
die organe des staates werden in den nächsten tagen eine hetzkampagne
gegen uns führen, sie werden versuchen, euch in eine fahndung nach uns
einzubeziehen. leistet keine unterstützung, laßt die polizei, die bonzen
und die presse unter sich.
freiheit für alle gefangenen
bewegung 2. juni.
wie habt ihr diese und eure anderen mitteilungen
überbracht?
zum teil haben wir über tote briefkästen gearbeitet. wir
hatten in alten häusern, wo es nicht auffiel, zusätzliche briefkästen
aufgehängt, die nur von uns benutzt wurden. einer von uns ist aus der
schenckendorfstraße raus zu so einem briefkasten, und von dort wurden
unsere mitteilungen von anderen weitergeleitet. die erste meldung ist an
dpa gegangen, aber nicht alleine. alle mitteilungen wurden immer an
mindestens drei stellen geschickt oder überbracht. anfangs immer an die
medien, nachher dann an andere peter lorenze, die wir aus dem telefonbuch
rausgesucht hatten. auch an pfaffen. wir sind davon ausgegangen, daß du
jedem sowas unter die fußmatte legen kannst und wenn du fünf texte in der
form verteilst, kannst du davon ausgehen, daß vier das dann auch
weiterleiten. in der ersten erklärung waren zwei fotos beigelegt. von
lorenz mit brille. da hat er drauf bestanden. und da hat er sich auch
ordentlich hingesetzt.
wurde gefahndet?
ja, aber zivil. erstmal haben sie versucht zeit zu gewinnen,
das war ja auch klar. sie mußten ja erstmal feststellen, ob er noch lebt.
es hätte auch sein können, daß da auf dem foto eine leiche hingesetzt
wurde.
was ist weiter an dem entführungsdonnerstag passiert?
nix weiter. abends war lorenz wieder ziemlich klar. da gab
es dann einen vernehmungsversuch. wir hatten uns einen fragenkatalog über
seine tätigkeiten in der cdu und seine verstrickungen zur berliner baumafia
gemacht. wir hatten ein tonbandgerät aufgebaut, und dann sollte er
vernommen werden. aber wir sind keine vernehmer, das haben wir nach einer
stunde aufgesteckt. wir wollten ja keine brutalen methoden anwenden, um aus
dem was rauszukriegen. und er hat sich geweigert, was zu sagen. in den
darauffolgenden tagen ist er dann redseliger geworden, zumal wir kein
tonband mehr laufen ließen. da hat er was von dem leidensweg der
christdemokraten in chile erzählt. zu palästina meinte er, daß das
israelische volk in frieden leben müsse. der meinung waren wir auch, aber
dies dürfe nicht auf kosten der palästinenser geschehen.
was der von sich gegeben hat, war überwiegend ziemlich platt.
wir hatten den unten im keller, alle haben sich den angeguckt und dann ging
es übereinstimmend rum
wer soll den denn umlegen, wenn der ganze plan
nicht klappt? alle haben das gesagt. war gar kein schwein mehr. eher
naiv.
und am nächsten tag?
na, wir hatten doch noch die aktentasche von lorenz. und wie
hieß dertyp, klingbeil, von dem war ein scheck drin über 10 000 dm. eine
wahlspende für die cdu. klingbeil galt bis dahin als absoluter
spd-unterstützer, weil der von der spd auch die ganzen bauaufträge
zugeschustert bekommen hatte. dann haben wir noch unterlagen über eine
geplante fahrpreiserhöhung bei der bvg gefunden, die zu dem zeitpunkt noch
nicht bekannt war. und es gab unterlagen über geplante entlassungen bei
detewe. und schließlich noch briefe von einer mutter mit einem behinderten
kind, die sich an lorenz gewandt hatte. dazu hat er aber nix gesagt.
einen toten briefkasten mußten wir noch schließen, weil am
freitag rainer hochstein, der kontakt zu verschiedenen leuten von uns
gehabt hatte, in hamburg festgenommen worden ist. der kannte nur den einen
toten briefkasten. wir hatten es abgelehnt, mit dem was zusammen zu machen.
deswegen hat er sich später der bundesanwaltschaft als kronzeuge angedient.
da war der trottel wenigstens dort, wo er hingehörte.
was sahen eure planungen vor, wenn die bullen den laden
entdeckt hätten?
hatten wir eigentlich gar keine. wir hatten höchstens mal
überlegt, daß wir dann die forderungen vergessen können und gerade noch
versuchen könnten, selber rauszukommen. aber das wäre sehr heikel
geworden.
war der laden noch irgendwie abgesichert?
wir haben uns total sicher gefühlt. der laden war mit einer
videokamera abgesichert, die den eingangsbereich des ladens im bild hatte.
die, die unten wache gehalten haben, hatten einen bildschirm.
unsere zweite mitteilung haben wir am freitag geschrieben. sie
ging an marianne lorenz, an die landeszentrale der cdu, dpa, bischof
scharff, den senat von berlin und verwies auf die erste mitteilung, die mit
der post rausgegangen war und hatte eigentlich nur den sinn, daß die
angeschriebenen auch nochmal aktiv werden. an lorenz' frau ging zusätzlich
noch ein persönlicher brief
die polizei soll alles tun, damit ich hier
wieder unversehrt rauskomme. in liebe.
dein peter.
wir fordern die obengenannten personen und organsationen auf, sich dafür
einzusetzen, daß unsere erste mitteilung, die an dpa, upi und senat
gegangen ist, spätestens zur abendschau und noch einmal in allen
tagesschauen verlesen wird. gleichzeitig müssen die fotos von der
gefangenschaft peter lorenz gezeigt werden. gleichzeitig sollten sie sich
dafür einsetzen, daß die in der ersten mitteilung aufgezählten bedingungen
umgehend erfüllt werden, wenn sie an der unversehrten freilassung des
gefangenen peter lorenz interessiert sind. werden die bedingungen nicht
erfüllt, läuft das ultimatum samstag um 12.00 uhr ab ...
bewegung 2. juni
von lorenz wollten wir, daß er uns eine person seines
vertrauens nennt, und das war witzigerweise der pepper. den haben wir
angerufen. wir haben nur gefragt, ob er was machen kann für den lorenz. und
der hat einfach wieder aufgelegt. der wollte damit nichts zu tun haben.
das werde ich mir merken!, hat der lorenz dann gesagt.
wie haben polizei und krisenstab mit euch kommuniziert?
über die medien. manchmal haben sie auch angekündigt, heute
abend kommt was in der abendschau. am samstag dem 1.3. um 0.05 uhr wurde
über die sender sfb und rias folgende erklärung der polizei augestrahlt
die polizei wendet sich hiermit an die entführer von peter lorenz.
erstens
die personen, die im zusammenhang mit der
demonstration nach dem tode von holger meins festgenommen worden sind,
befinden sich bis auf ettore canella und günter jagdmann bereits seit
längerem in freiheit. die beiden genannten werden am 1. märz 1975 vor zehn
uhr aus der haft entlassen.
zweitens: es ist nötig, daß sie uns einen überzeugenden beweis von der
tatsache liefern, daß peter lorenz weiterhin am leben ist.
drittens: wir sind bemüht, mit unseren maßnahmen leben und gesundheit von
peter lorenz nicht zu gefährden. zur vermeidung von mißverständnissen ist
es erforderlich, fragen zu klären. zum beispiel: wie stellen sie sich die
modalitäten der unversehrten übergabe von peter lorenz vor? was soll
geschehen, wenn eine der von ihnen namentlich genannten personen sich
weigert, an dem von ihnen genannten verfahren teilzunehmen?
viertens: geben sie uns als nachweis dafür, daß wir mit den richtigen
verhandeln, die nummer des personalausweises von peter lorenz.
woher wußtet ihr, daß das um 0.05 uhr über den sender
geht?
meinst du, wir hätten in der zeit das radio auch nur fünf
minuten ausgeschaltet? meistens wurde das ja lange vorher angekündigt und
dann auch noch wiederholt. sie haben die mitteilungen auch zur fahndung
benutzt, in dem sie diese immer später in der nacht ausstrahlten. und in
der vierten nacht waren sie soweit, daß sie die ganzen postpeilwagen
unterwegs hatten, weil sie gehofft haben, daß um 4.00 uhr in berlin nicht
mehr so viele fernseher an sind. aber, die ganze stadt hat am fernseher
gehangen. und die einzigen, die in dieser nacht nicht fernsehen geguckt
haben, waren wir. da waren wir alle so übermüdet, daß selbst die bewachung
gepennt hat.
am samstag um 10 uhr haben sie die beiden letzten inhaftierten
von der holger meins-demo aus dem knast entlassen. da haben sie etwas zeit
geschunden, aber das war uns dann auch egal. als der jagdmann rauskam, das
war offensichtlich so ein alki, sind gleich die ganzen reporter auf ihn zu,
und er sagt ich habe damit gar nichts zu tun, ich weiß von gar nichts.
dann kam der canella raus, da wollten sie sich auf den stürzen und flutsch,
weg war er. der hat gleich die beine in die hand genommen und ist
losgesprintet. der jagdmann war nur so reingeraten in die demo. hat er auch
gesagt. an dem tag hat er zu hause probleme gehabt, hat was gesoffen, ist
in die demo reingeraten und hat einen stein auf einen bullen geworfen und
das wars dann. die verfahren sind eingestellt worden. die haben auch später
nix mehr davon gehört.
nachdem die medien unsere erklärung vollständig veröffentlicht hatten, und
die beiden nun freigelassen worden waren, war uns klar, daß wir noch immer
die initiative in der hand hatten. am samstag morgen, dem 1.3. kam dann die
mitteilung nr. 3 von uns. die hatten wir bei verschiedenen adressen
vorbeigebracht, unter anderem beim evangelischen pfarramt in zehlendorf. in
der erklärung stand: wenn ein von uns benannter genosse die befreiung
nicht in anspruch nehmen will, soll er dies am 1.3.1975 im beisein seines
anwalts in der berliner abendschau öffentlich kundtun. unser ultimatum wird
nicht verlängert. es läuft montag 3.3., 9.00 uhr ab, bis dahin müssen die
entlassenen genossen und herr pfarrer albertz abgeflogen sein. nach seiner
rückkehr werden wir sofort die modalitäten der freilassung von peter lorenz
bekanntgeben. seine unversehrtheit hängt allein vom verhalten des
staatsapparates ab. wir haben fürstenfeldbruck und rammelmeier9
nicht vergessen. wenn der polizeiapparat ähnliches vorbereitet, ist das der
sichere tod von peter lorenz. dies ist bis zur erfüllung unserer
forderungen die letzte meldung.
war das dann eure letzte?
nö. dann kam abends so um 20.00 uhr die erklärung von
pfarrer albertz in funk und fernsehen
ich spreche zu ihnen als ein mann
der kirche, der bereit und verpflichtet ist, menschliches leben zu
schützen. deshalb habe ich mich auch in dieser schwierigen situation sofort
bereit erklärt mitzuwirken. das kann ich aber nur tun, wenn gefahr und
risiken nicht nur auf einer seite lasten. der mir bekannt gewordene
vorschlag, über den ich vom regierenden bürgermeister10 unterrichtet worden
bin, enthält hinsichtlich der modalitäten der unversehrten freilasung von
peter lorenz unbefriedigende aussagen. um meinen auftrag erfüllen zu
können, muß ich eine andere als die bisherige antwort erhalten. ich habe
mich zur verfügung gestellt, um bei meiner ersten begegnung mit ihnen oder
ihren freunden der unversehrten freilassung von peter lorenz sicher zu
sein. sie umgekehrt können sich darauf verlassen, daß ich mich an keiner
unternehmung, die wie in fürstenfeldbruck endet, beteiligen
werde.
gleich im anschluß kam dann die erklärung der polizei
sie
haben die erklärung von pfarrer albertz gehört, teilen sie uns sofort die
modalitäten für die freilassung von peter lorenz mit. benutzen sie als
erkennungszeichen den namen des ortes, an dem die im flur des hauses lorenz
hängende längliche holzschnitzerei gekauft worden ist.
klar, das waren ja sachen, die nur lorenz wissen konnte. so um kurz vor
24.00 uhr erklärte mahler in der ard-tagesschau, daß er den austausch
ablehnt: die entführung des volksfeindes peter lorenz als mittel zur
befreiung von politischen gefangenen ist ausdruck einer von den kämpfen der
arbeiterklasse losgelösten politik, die notwendig in einer sackgasse enden
muß. die strategie des individuellen terrors ist nicht die strategie der
arbeiterklasse.
das kam so im fernsehen. in der erklärung stand außerdem noch: ...
anläßlich des schauprozesses gegen becker, meinhof und mich im september
des vergangenen jahres, habe ich in einer öffentlichen kritik, die zugleich
eine selbstkritik war, klargestellt, daß mein platz an der seite der
revolutionären arbeiterklasse ist. ich bin der festen überzeugng, daß sich
durch den kampf der revolutionären massen die gefängnistore für alle
politischen gefangenen öffnen, und daß die gegen mich gefällten
terrorurteile hinweggefegt werden weshalb ich es ablehne, mich auf diese
weise außer landes bringen zu lassen ... vorwärts mit der kpd.
1980 wurde mahler auf bewährung entlassen. da sich die gefängnistore für
mahler nicht durch den kampf der revolutionären massen öffneten, sondern
durch den gebückten gang durch den baumschen tunnel11, rächte sich mahler
an der arbeiterklasse, indem er nach seiner freilassung manager in der
unterdrückung derselben ausbildete.
danach kam die erklärung von gabriele kröcher-tiedemann, daß sie sich
dagegen entschieden hatte, befreit zu werden. am nächsten tag jedoch um 22
uhr, hat rolf pohle verlangt, mit ihr telefonieren zu können, was die
bullen auch gemacht haben, woraufhin sie sich entschieden hat, doch
mitzukommen. später haben wir den akten genaueres zu ihrem sinneswandel
entnehmen können. gabrieles erste ablehnende erklärung war auf grund einer
zusage auf halb- oder zweidrittelstrafe zustandegekommen. sie hatte aber
darauf bestanden, das schriftlich zu kriegen, was sie aber nicht
bekam.
kam die idee mit dem telefonat von euch?
nein, das war rolfs idee.
wie habt ihr darauf reagiert, daß die nicht mitwollten?
das war für uns schon ein ziemlicher schock. gleich zwei auf
einmal. du hättest mal unsere sprüche damals hören sollen
haben sie
denen allen ins gehirn geschissen, jetzt fangen die auch noch alle an zu
spinnen, und so. ansonsten, wenn sie halt bleiben wollen, bitte, dann
sollen sie es halt aussitzen. bei kröcher-tiedemann haben wir gedacht, daß
sie einfach verunsichert ist.
hat lorenz das mitgekriegt?
nein, der hat höchstens unser rumgestampfe gehört.
hattet ihr überlegt, stattdessen die freilassung anderer
gefangener zu fordern?
überlegt schon. das problem war aber, wenn wir zwei andere
namen genannt hätten, dann wäre von der gegenseite gekommen, daß das in der
zeit nicht mehr klappen würde, und wir wollten unbedingt den zeitplan
einhalten. dann kam am samstag um 24.00 uhr
die polizei wendet sich
hiermit erneut an die entführer von peter lorenz. sie hat die mitteilung
nr. 3 erhalten. andere numerierte mitteilungen liegen ihr nicht
vor.
1. die polizei geht davon aus, daß peter lorenz am leben
ist.
2. es ist wahrscheinlich, daß zu einem einflug nach berlin nur zwei
gefangene bereit sind. wie sie gehört haben, gibt es lediglich die
möglichkeit, ihr ziel über einen flughafen des bundesgebietes zu erreichen.
es bietet sich daher an, alle namentlich genannten gefangenen dort
zusammenzuführen. dazu erwarten wir ihre äußerung.
3. sie haben die erklärung von pfarrer albertz gehört und müssen daraus
erkennen, daß es unabdingbar ist, die modalitäten der unversehrten
freilassung von peter lorenz klar festzulegen.
4. sie können fest davon ausgehen, daß die bisherigen und künftigen
verhandlungen ausschließlich dem ziel der sicherung des lebens und der
gesundheit von peter lorenz dienen.
5. ihr weg der verhandlungsführung gibt kaum eine chance, ihren forderungen
zu entsprechen. wählen sie einen schnelleren weg.
6. um erkennen zu können, daß die polizei weiterhin mit den richtigen
verhandelt, nennen sie als erkennungswort den ort, an dem die armbanduhr
von frau lorenz gekauft worden ist.
das war samstagnacht.
was für diskussionen liefen da unter euch?
in der zeit gab es nicht so viele diskussionen. du darfst
nicht vergessen, daß wir die ganzen tage kaum gepennt haben. die stimmung
war aber sehr gut, weil nach der ersten erklärung der bullen eigentlich
klar war, daß es läuft. sie sind der forderung nach veröffentlichung und
der zweiten forderung nach freilassung der demonstranten nachgekommen. also
bis dahin lief ja alles. klar war aber auch, daß sie natürlich versuchen
würden, zeit zu gewinnen. die bullen sind davon ausgegangen, daß wir einen
anwalt nennen, über den dann verhandelt würde. deswegen hatten sie von
einem schnelleren verhandlungsweg geredet. dadurch hatten sie sich erhofft,
an uns ranzukommen.
was hielt lorenz von dem verlauf?
er kannte unsere forderungen, aber er wußte nichts über den
stand der verhandlungen. im übrigen wollte er immer nur wissen, wie
biedenkopf sich zu der ganzen angelegenheit geäußert hat. das war damals
der starke mann in der cdu. er war zu der zeit generalsekratär und
gegenspieler von kohl. als wir ihm sagten, daß biedenkopf sich für einen
austausch ausgesprochen hat, reagierte lorenz optimistisch und erleichtert.
von da ab ging er davon aus, daß der austausch tatsächlich stattfinden
würde.
als nächstes gab es dann unsere erklärung, daß wir die
entscheidung von kröcher-tiedemann und mahler akzeptieren. diese nachricht
haben wir zusammen mit einer kassette in einen briefkasten am kudamm
geworfen und gegen 3.00 morgens die bullen angerufen und sie informiert,
daß dort folgende mitteilung von uns zu finden wär
mitteilung nr. 4:
die entscheidungen von kröcher und mahler werden akzeptiert.
die gefangenen revolutionäre siepmann, becker, heissler und pohle sind
umgehend nach frankfurt a.m.12 zu schaffen. mit den berliner genossen muß
pfarrer albertz fliegen. in frankfurt müssen die genossen gelegenheit
haben, ohne aufsicht miteinander zu reden. außerdem sind ihnen unsere
sämtlichen mitteilungen in dieser sache vorzulegen. alle 4 genossen
erhalten dann zusammen gelegenheit, am beginn der wochenschau/tagesschau
so. 2.2.75 um 12.45 uhr zu erklären, ob sie fliegen wollen oder nicht.
herr albertz und die genossen, die erklärt haben, daß sie ausgeflogen
werden wollen, starten bis montag 9.00 mit einer boeing 707 und 4 mann
besatzung. den genossen sind die geforderten gelder auszuhändigen (120 000
dm).
zu seinen freilassungsmodalitäten hat p. lorenz auf der beiliegenden
kassette selbst etwas gesagt. damit wir wissen, daß den staatsapparat diese
4. mitteilung erreicht hat, muß sofort nach erhalt dieser mitteilung der
text im sfb verlesen werden.
bewegung 2. juni
armbanduhr = madrid.
wir hatten 20 000 dm für jeden als handgeld gefordert. da
aber nicht alle fliegen wollten, haben wir gesagt, trotzdem 120 000 dm. die
bullen wollten dann jedem nur die 20 000 dm geben, woraufhin rolf pohle
gesagt hat, wir hätten doch 120 000 dm geschrieben. auf den spruch hin hat
er die anderen 20 000 auch noch ausgehändigt bekommen, aber auch später
wegen räuberischer erpressung nochmal dreieinhalb jahre in bayern. und das
nur, weil er darauf bestanden hatte, daß die forderungen korrekt erfüllt
wurden.
dann gab's noch die erklärung von lorenz auf tonband, wo er
sich bei albertz im voraus bedankt und weiter gesagt hat
... sie
selbst, herr pfarrer albertz, wollen sichergehen, daß keine katastrophe wie
in münchen geschieht und wollen daher wissen, wie und wo ich persönlich
befreit werden soll. meine bewacher sehen sich nicht in der lage, die
modalitäten meiner befreiung bekanntzugeben, weil sie sich damit gefährden
würden. sie erklären, daß sie einer entsprechenden zusicherung der polizei
keinen glauben schenken würden.
meine bewacher haben mir jedoch ihr ehrenwort gegeben, daß ich, wenn sie,
herr pfarrer albertz, auf dem luftwege nach deutschland zurückgekehrt sind,
unverzüglich ohne jeden schaden an leib und leben, freigelassen werde. ich
vertraue meinen bewachern, daß sie dieses, ihr ehrenwort halten
werden.
ich bitte, meiner frau meine herzlichsten grüße auszurichten.
die bullen bestätigten uns dann, wie von uns gefordert, den erhalt dieser
mittteilungen.
was passiert dann weiter am sonntag?
da liefen die wahlen in berlin. die stimmung war ganz
eigenartig, weil einerseits wollten sie den eindruck vermitteln, daß die
wahlen ganz normal über die bühne gehen und sich der staat wie immer von
den anarchisten nicht erpressen läßt. und andererseits war die entführung
ja stadtgespräch. in jeder kneipe wurde darüber geredet. ist ja auch was
besonderes, wenn der wahlsieger gerade geklaut ist. die cdu bekam mit
lorenz die meisten stimmen in der stadt. doppelt soviel stimmenzuwachs war
vorhergesagt worden, als er dann tatsächlich bekommen hat. wir sind runter
zu ihm und haben gesagt
herr lorenz, herzlichen glückwunsch, sie sind ja
wohl der nächste bürgermeister.
da hat er gestrahlt.
durfte er die wahlergebnisse sehen?
klar, durfte er das.
und lorenz war die ganze zeit ruhig?
der war kooperativ. er hat nicht mal über das essen
gemeckert. wir wissen gar nicht, wer an dem tag gekocht hat. jedenfalls war
das ein saufraß. schlimmer als später im knast.
und dann habt ihr die nacht durchgefiebert, was am nächsten
tag wohl passieren würde?
ja, da wuchs die spannung etwas, denn am sonntag um 14uhr
teilten uns die bullen mit, daß die gefangenen noch am selben tag nach
frankfurt geflogen würden
die polizei wendet sich an die entführer von
peter lorenz! sachstand 2. märz 1975, 14 uhr
1. die gefangenen becker und siepmann werden berlin am heutigen
tag nach frankfurt/main verlassen. auch pohle und heißler werden in
frankfurt sein. ...
ihre in diesem zusammenhang genannten zeitvorstellungen sind nicht zu
realisieren. ...
5. es ist notwendig, daß sie uns sofort das endgültige flugziel angeben,
damit die damit verbundenen vorbereitungen getroffen werden können
...
am frühen morgen des 3. märz haben wir einen weiteren brief mit der
aufschrift an den s e n a t!! kennwort: gerd!! in einen briefkasten in
der marburger straße eingeworfen und die bullen wieder telefonisch darüber
informiert:
mitteilung nr. 5:
1. wir nennen kein reiseziel. der pilot wird die anweisungen in der luft
erhalten.
2. das ultimatum wird um 1 stunde, das heißt bis 10.00 uhr verlängert;
d.h., daß in der tagesschau um 10.00 uhr das einsteigen der 5 genossen und
heinrich albertz übertragen wird. gleichzeitig muß ihre erklärung vom
montag, 4.00 uhr ausgestrahlt werden.
3. die boeing 707 muß voll getankt und mit 4 mann besatzung starten.
4. heinrich albertz ist keine geisel.
5. peter lorenz und wir warten auf den unverzüglichen abflug der 5 genossen
und heinrich albertz.
bewegung 2. juni
wie wir später erfahren haben, hatten die bundesregierung
und die beteiligten landesregierungen noch vor erhalt dieser nachricht
entschieden, unsere forderungen zu erfüllen
die beteiligten regierungen
gaben dem druck der entführer nunmehr endgültig nach, weil auch jetzt
kurz vor ablauf der frist diese entscheidung der einzige weg zu sein
schien, das leben von peter lorenz zu retten.
die befreiten erhielten dann noch die geforderten 120000 dm und
es wurde eine kurze erklärung vom frankfurter flughafen von ina siepmann
übers fernsehen ausgestrahlt, in der sie bekanntgab, daß sie jetzt
abfliegen würden. gegen 9.00 uhr bestiegen alle das bereitgestellte
flugzeug, welches dann um 9.56 uhr richtung salzburg abhob. den ganzen tag
über wurden bilder vom besteigen der boeing 707 und des starts der maschine
im fernsehen gezeigt.
ihr hattet doch dann keine möglichkeit mehr zu überprüfen, ob
die wirklich in die maschine eingestiegen und gestartet waren, ob die euch
nicht ein riesiges theater vorspielten und einfach nur so taten, als ob da
irgendwelche flugzeuge rumflögen?
na dafür hat ja praktisch albertz garantiert. ansonsten war
das so abgesichert, daß albertz nach der landung von den gefangenen ein
codewort kriegt. es sollte von ihnen eine kurze erklärung geschrieben
werden, in der das codewort vesteckt war. nach albertz' rückkehr sollte er
den text im fernsehen verlesen. dadurch würden wir wissen, ob sie sicher
gelandet sind oder nicht. dadurch, daß wir immer die flugroute wußten, war
uns klar, daß alles ok war. und spätestens nach einer fingierten landung
hätten sie ja das richtige codewort nicht gehabt und dann hätten wir auch
gewußt, ist nicht. wir hatten ausdrücklich gesagt, nirgends
zwischenlanden.
aber dann mußtet ihr doch sicher sein, daß vorher ein kassiber
mit dem codewort in den knast gegangen war?
von dort hatten wir ja auch eine positive rückmeldung
erhalten.
haben die bullen da später noch weiter nachgeforscht?
rausgekriegt haben sie jedenfalls nicht, wer das codewort
gekriegt hatte.
wie lautete das eigentlich?
(beide im chor)
so ein tag, so wunderschön wie
heute.
wir hatten nicht nur das codewort reingegeben, sondern auch die
route. wir hatten sehr detailliert anweisungen zu den flugetappen gegeben.
zuerst rom, kurz vor rom bekam der pilot von den befreiten die anweisung
nach tripolis, dann nach addis abeba und schließlich nach aden. dadurch,
daß das im radio übertragen wurde, wußten wir auch immer, wo die sind, und
daß das ding in unserem sinne läuft. die bullen sollten erstmal nicht
wissen, wo es hingeht. wir wollten sie ein wenig verwirren, so mit
grußbotschaft über libyen etc. im radio sagten sie immer, die wissen nicht
wohin. erst dachten sie alle, jetzt landen sie in libyen, und dann flogen
sie aber immer weiter. deshalb hatten wir ja auch eine boeing 707
ausgesucht. wir hatten vorher ausgerechnet, wie weit die fliegen kann. die
anweisungen hat immer rolf pohle an den piloten gegeben.
es war wirklich nur diese vierköpfige besatzung an bord?
urspünglich wollten sie eine doppelte besatzung, aber das
wurde von den freigelassenen verweigert. die bullen haben eine zweite
besatzung in einer zweiten maschine hinterhergeschickt.
also zwei flugzeuge?
eigentlich sogar drei. im dritten saß der staatssekretär im
kanzleramt und erfahrene geheimdiplomat, wischnewski (ben wisch) auf
einem koffer mit 6 millionen dm für ein aufbauprojekt im süd-jemen, um die
gefangenen wieder einzukaufen.
aber der wußte doch nicht, daß es in den südjemen geht?
nein, aber 6 millionen hatte er dabei gehabt, egal für
welches land. sie konnten sich das ja auch denken. es kamen im prinzip nur
libyen, algerien, somalia, südjemen oder vielleicht irak in frage.
jedenfalls hat die brd den jemeniten so ein zementwerk versprochen gehabt,
schon jahre vorher und das hätten sie dann kriegen können, haben sie aber
abgelehnt. die brd hat es später noch öfter versucht, die fünf
zurückzukriegen.
was den albertz aber entsetzte, wie er später im prozeß gesagt
hatte, war die tatsache, daß die bundesregierung veranlaßt hatte, daß,
sollte die maschine in addis abeba landen, die äthiopische armee das ding
stürmen und alle umschießen sollte, mitsamt albertz. das hatte ihm später
ein höherer bonner beamter gesteckt. darüber war er natürlich völlig
entsetzt. er war zwar immer wieder danach gefragt worden, ob er von den
gefangenen unter druck gesetzt worden wäre, dabei ging aber die einzige
gefahr von einer ganz anderen seite aus. außerdem war er sowieso schon
sauer auf die bullen, weil die ihn die ganze zeit vor dem abflug abgehört
hatten, obwohl ihm vorher zugesichert worden war, daß er unbehelligt mit
den freigelassenen reden könne.
und was war dann im südjemen?
erst mal mußte das flugzeug lange kreisen, weil keine
landegenehmigung erteilt wurde. in der zwischenzeit hat sich die
südjemenitische regierung so lange doof gestellt, bis sie ein offizielles
ersuchen der bundesregierung für eine landeerlaubnis und die aufnahme der
befreiten gefangenen erhalten hatte. jedenfalls haben sie schließlich gegen
19.00 uhr die landeerlaubnis gekriegt und sind gelandet.
das mit dem südjemen hattet ihr schon ein jahr vorher
geklärt?
na, nicht ganz ein jahr, im grunde einen monat vorher. dort
hatte sich eine person bereit erklärt, die politische verantwortung zu
übernehmen und das dann abgeklärt. wir alleine hätten es nicht geschafft,
den kontakt zu kriegen. ohne vorherige landegenehmigung hast du keine
chance.
und der typ, der euch das zugesichert hatte, war
palästinenser?
ja. der konnte das von seinem einfluß her erreichen. da
waren wir uns sicher, einfach aus der erfahrung raus, die wir mit diesen
leuten hatten. gut sagen wir, das war zu 99 % sicher.
sie konnten nach etlichen stunden am 4. märz das flugzeug
verlassen. dort am flughafen haben dann alle an einem tisch gesessen,
vertreter der südjemenitischen regierung, die gefangenen und albertz, und
sie haben erstmal tee getrunken, wie das dort so üblich ist. dann wurde
bequatscht, daß sie eine unbefristete aufenthaltsgenehmigung bekämen.
daraufhin wollte albertz schon losfliegen, als den befreiten im letzten
augenblick eingefallen ist, daß es ja noch ein codewort geben mußte, so daß
sie schnell noch eine erklärung geschrieben haben.
durften die beiden anderen deutschen flugzeuge dort auch
landen?
nein, die mußten im nordjemen landen. der deutsche
botschafter in saana im nordjemen ist dann mit einem jeep losgefahren. den
haben sie an der grenze aber gar nicht erst in den südjemen reingelassen.
albertz ist schließlich um 8.30 uhr wieder allein mit der erklärung
zurückgeflogen. irgendwo sind die wohl noch zwischengelandet, um die
besatzung auszutauschen. jedenfalls ist die maschine noch am selben tag
wieder in frankfurt gelandet. die erklärung war schon vorab übermittelt
worden. abends hat albertz sie dann noch einmal in der abendschau
vorgelesen
am morgen des 4.3.75 verließen wir, die 5 befreiten
gefangenen, die crew und pfarrer albertz die lufthansamaschine. in der
halle des flughafens aden versammelten wir uns mit dem staatssekretär des
auswärtigen amtes der südjemenitischen regierung. er bekräftigte nochmals
den beschluß seiner regierung, uns in der volksrepublik südjemen
aufzunehmen, wo wir uns unbegrenzt und völlig frei aufhalten können. die
regierung gab ihr wort, daß sie diese aufenthaltsbedingungen einhalten will
gegen unser wort, daß dieser text die voraussetzung zur freilassung von p.
lorenz schafft.
wir danken der crew für ihren einsatz, wir danken pfarrer albertz für all
seine bemühungen. wir grüßen die genossen in deutschland; die außerhalb des
knastes sind und die, die noch im knast sitzen. wir werden unsere energie
darein setzen, daß für sie auch bald so ein tag, so wunderschön wie heute,
anbrechen wird.
wir werden siegen!
ina siepmann, rolf heißler, gabi kröcher-tiedemann, verena
becker, rolf pohle
und das hat albertz vorgelesen?
ja, das kam dienstagabend im fernsehen.
durfte lorenz davon irgendwas mitkriegen?
das aus- und rumfliegen hat er sogar mit uns im fernsehen
gesehen. nach dem abflug hat er richtig anteil genommen. da wurde die ganze
situation auch entspannter.
hattet ihr sekt?
nein, nur wein, aber wir haben mit lorenz kurz angestoßen.
der wußte, jetzt geht es nach hause. dann haben wir gemeinsam mit ihm
überlegt, wie wir das machen. er meinte, na mit der kiste, das wäre doch so
unbequem. wir haben ihm gesagt, wir könnten natürlich auch durch den
hausflur laufen, aber dann würden uns eventuell welche sehen. schließlich
haben wir ihm die brille zugeklebt, das heißt die augen zugeklebt und dann
die brille drüber. das war zwar unangenehm, aber so konnte er laufen. wir
haben ihn zum auto geführt. das war so gegen 23.00 uhr desselben abends,
nachdem albertz die erklärung verlesen hatte. die stadt war total tot.
kein bulle war auf der straße zu sehen. die hatten alles
runtergezogen, was runterzuziehen war. und dann sind wir mit ihm in den
stadtpark wilmersdorf gefahren, an die stelle, wo er von den russen 1945
als soldat schon mal festgenommen worden war, was wir aber nicht wußten.
wir haben ihm noch drei groschen fürs telefon in die hand gedrückt drei,
falls einer durchfällt und uns mit handschlag verabschiedet. zuvor hatte
er noch bedauert, daß wir uns unter diesen umständen kennengelernt hätten.
vielleicht ergäbe sich ja mal eine gelegenheit, sich unter anderen
bedingungen wiederzusehen. zu dem zeitpunkt war er noch blind. wir hatten
ihn auf die parkbank gesetzt, und er hatte gemeint, daß er alle menschen,
die in seinem leben eine rolle gespielt hätten, mal wiedergesehen habe. er
hoffe, auch uns mal wiederzusehen, wenn die zeiten sich mal ändern sollten.
letztlich hat er uns dann noch zu einer seiner gartenpartys eingeladen. wir
haben ihm gesagt, er solle bloß nicht, wenn er nach hause käme, vorne
reingehen, denn dort ständen so viele reporter rum, woran er sich auch
gehalten hat. der wollte nur noch zurück, zurück zu seiner frau. der wollte
mit keinem reden.
aber dann kam er doch gleich ganz groß in der presse?
ja, am nachmittag des 5. märz hat er gleich eine
internationale pressekonferenz gegeben, da kann er nicht viel geschlafen
haben.
lorenz
es handelte sich zweifelsohne um einen gewaltakt ...
aber die haben sich wenn man die allgemeinen umstände dieser art in
betracht zieht mir gegenüber korrekt verhalten. das heißt, ich hatte
immer waschgelegenheit, ich hatte immer zu essen und sie haben mich auch
nicht in besonderer weise schikaniert oder drangsaliert ...
reporter: herr lorenz hatten sie das gefühl, daß sich die entführer absolut
sicher vor maßnahmen der polizei fühlten, oder waren sie unsicher?
lorenz: nein, die entführer vermittelten den eindruck, als ob sie von ihrem
standpunkt aus so gut wie möglich vorgesorgt hatten, und ich muß auch
sagen, wenn ich mir mal den ablauf der aktion ansehe selbst wenn man in
rechnung stellt, daß die polizei ja bewußt eine ganze weile auf maßnahmenn
verzichtet hat dann ist sie ausgezeichnet geplant gewesen und
ausgezeichnet abgelaufen. aber natürlich hatten die immer auch furcht, daß
irgendetwas von seiten der polizei dazwischen kommen könnte ... reporter:
herr lorenz haben die anarchisten äußerungen zum wahlkampf gegeben? lorenz:
eigentlich nur, daß möglicherweise die entführung das wahlergebnis so oder
so beeinflussen würde ...
reporter: herr lorenz, zwei ihrer parteifreunde haben die todesstrafe für
terroristen gefordert. wie sieht es ihrer ansicht nach damit aus?
lorenz: ich war, bin und werde gegen die wiedereinführung der todesstrafe
eintreten ...
reporter: herr lorenz, würden sie mal schildern, wie die nahrungsaufnahme
sich abgespielt hat und was sie zu essen bekommen haben?
lorenz: bürgerliches essen, brote, kaffee, tee. die nahrungsaufnahme hat
sich in der gleichen weise wie üblich abgespielt, mit der hand in den mund
...
reporter: herr lorenz, hatten sie den eindruck, daß es sich um ein
richtiges volksgefängnis gehandelt hat?
lorenz: nein. ich hatte den eindruck, daß es speziell für diesen fall
hergerichtet war ...
reporter: wie war der umgangston? welchen eindruck hatten sie von den
tätern hinsichtlich ihrer intelligenz?
lorenz: ich habe sie für intelligent gehalten und ich möchte keine
einzelheiten weiter sagen, als daß ich nicht erpreßt worden bin und daß die
behandlung im rahmen der gesamtumstände und der nötigung, der gewalt, der
ich ständig ausgesetzt war, korrekt gewesen ist ...
es gab später wochenlang versuche der bullen, peter lorenz zur vernehmung
zu kriegen, der hat sich dem aber immer entzogen. es gab dann auch ein
psychologisches gutachten der bullen zur solidarisierung von geiseln mit
geiselnehmern, weil es offensichtlich war, daß lorenz nicht zur kooperation
bereit war. seine sekretärin hat ihn immer verleugnet. ihn hat das richtig
geärgert, denn die haben ihn selbst dann beobachtet, wenn er
spazierengegangen war.
in dem psychologischen gutachten zu lorenz stand dann:
sympathie bildet sich unter äußerem druck, gemeinsamer zielsetzung und dem
davon abhängigen vermehrten binnenkontakt. diese faktoren liegen vor
(zielsetzung ist gemeinsam, weil beide teile an der freilassung
interessiert sind). den aussagen sind dafür deutliche hinweise zu
entnehmen: gemeinsames fernsehen, zunähen der hose, besorgung von
verschiedenen utensilien, höfliche behandlung, evtl. gemeinsames
schachspiel, diskussion und die art der gespräche kinder, sagt mir bitte-,
warten sie bitte fünf minuten-.
entweder sind diese redewendungen so gebraucht worden, oder herrn lorenz
erschienen sie so. in beiden fällen spricht das für ein
kameradschaftliches- verhältnis. ein solches ist nach dem ehrenkodex, herr
l. verwendet selbst diesen ausdruck, kommunistischer oder anarchistischer
täter durchaus möglich, da sie sich nur gegen das system-, aber nicht
gegen den einzelnen kapitalisten- wenden, dem sie ehrenhaftigkeit durchaus
zubilligen. (gilt nicht für alle gruppen, würde sie auch von einem mord
nicht abhalten, wenn sie ihn aus politischen gründen für richtig halten.)
die herausbildung einer gewissen sympathie ermöglicht aber zugleich durch
angstreduktion eine gelassene lagebeurteilung und bewirkt allenfalls eine
wohlwollende beurteilung der leute und ihrer ziele. es ist nicht
anzunehmen, daß sie die sachlichen aussagen beeinträchtigt oder gar zu
absichtlich falschen aussagen führt, um die täter zu schützen. die
möglichkeit einer unbewußten identifizierung mit den tätern muß zwar in
betracht gezogen werden, ist aber wenig wahrscheinlich. die möglichkeit von
gedächtnislücken durch schock oder verdrängung ist ebenfalls gering
einzuschätzen, da während der eigentlich bedrohlichen zeit die
medikamentenwirkung tiefere gemütseindrücke, verkrampfungen, panik u.ä.
verhinderte.
nach der freilassung von lorenz ging die fahndung erst richtig los. die
bullen haben über 80 hausdurchsuchungen vorgenommen, und unter anderem ein
paar jugendzentren durchsucht. die durchsuchungen kamen auch in den
normalen medien nicht so gut an. da gibt es auch so ein foto, wo die bullen
ganz übel im weißbeckerhaus13 rumprügeln. vorher war es eigentlich ganz
friedlich abgelaufen und das sah dann nach rache aus. es war klar, daß
lorenz nicht im weißbeckerhaus gewesen war. der hauptteil der fahndung,
dachten wir, würde in den ersten drei tagen sein und danach würde es
verdeckt weitergehen, und das war dann auch so. wir sind erstmal
abgetaucht. den keller haben wir so gelassen, nur einen schrank vor den
eingang gestellt. wir wollten den keller später wieder in den
ursprünglichen zustand bringen.
wir hatten extra wohnungen, die wir vorher nie benutzt hatten. die
wohnungen, in die wir gegangen sind, waren legale wohnungen von leuten, die
wir kannten, die aber nicht so dicht an der szene waren. von uns ist die
ersten drei tage niemand auf die strasse gegangen. namentlich haben die
bullen nach inge viett, ralf reinders, fritz teufel, norbert knofo
kröcher, till meyer, andreas vogel, werner sauber und angela luther
gefahndet. insgesamt acht leute, die hälfte davon waren aber die
falschen.
angela luther haben sie gejagt, weil sie so groß war. der fahrer von lorenz
wollte sie wiedererkannt haben. der schlag auf den kopf war wohl doch
doller, als wir gedacht haben. da sind die bullen hier in berlin immer
großen frauen hinterhergerannt. in den ersten tagen ging es uns so dermaßen
gut, weil wir gemerkt haben, daß die überhaupt nicht an uns rankamen.
nachdem lorenz frei war, haben wir noch einen brief an albertz geschrieben
und da das ganze zeug zugetan, das wir bei lorenz in der aktentasche
gefunden hatten. unter anderem waren da die briefe von einer frau busch,
die eine behinderte tochter hatte und mehrfach lorenz um hilfe gebeten
hatte. das las sich dann so: lieber herr peter lorenz! ich bin seit 25
jahren mitglied der cdu. ich habe ein mongoloides mädchen, welches am
24.12.60 geboren wurde. seitdem habe ich viel schweres durchgemacht mit
meinem kinde in der öffentlichkeit. so häßlich können nur menschen ohne
innere werte sein. aber weh tat es, daß auch senat und kirche uns fallen
ließen, wie eine heiße pellkartoffel und uns fühlen ließen, daß wir
menschen 2. klasse sind ...
die frau war schon von hinz zu kunz gelaufen und lorenz hatte ihre briefe
offensichtlich gesammelt, geholfen worden war der frau aber immer noch
nicht. darum haben wir an albertz einen brief geschrieben mit der bitte,
der frau zu helfen. die kohle, die lorenz beihatte, 700.- dm oder so, die
haben wir der familie nämlich zusammen mit einem erläuternden brief
durchgesteckt. wir haben viel geschrieben zu dieser zeit.
hat die frau das geld behalten?
nein, aber das hat sie später bedauert.
hat albertz sich für die frau busch eingesetzt?
wissen wir nicht.
und hat sich albertz später für euch eingesetzt?
ja, für die freilassung von gerald klöpper und gabriele
kröcher-tiedemann.
und hinterher gab es noch eine erklärung?
die entführung aus unserer sicht. das wurde so etwa 20
tage danach verteilt. drei tage nach lorenz' haftentlassung haben wir uns
alle wiedergetroffen und die entführung aus unserer sicht diskutiert und
zusammengeschrieben
wer sind wir?
wir wollen uns mit dieser zeitung nach den ganz dramatischen ereignissen
noch einmal so direkt wie möglich und so umfassend, wie wir es können, an
die berliner bevölkerung wenden. wir tun dies hauptsächlich aus drei
gründen:
1. wir wollen, so weit das geht, sagen, was für leute wir
sind.
2. wir wollen einen teil der ganzen lügenmärchen von presse und politikern
aufdecken.
3. wir wollen sagen, warum wir cdu-lorenz entführt haben. wir sind nicht
ein haufen von leuten, die nach dem motto je schlimmer, desto besser
wahllos draufschlagen, wo immer wir für uns eine gelegenheit dazu sehen.
wir wissen, daß wir den staat nicht aus den angeln heben, nicht kaputt
machen, nicht stürzen können. wir sind keine ausgeflippten kleinbürger.
jeder von uns weiß, was fabrikarbeit ist, einige haben nicht einmal
hauptschulabschluß, geschweige denn studiert.
unsere feinde ziehen ein gesabber ab, daß es nicht mehr auszuhalten ist,
wir sitzen alle im gleichen boot, wann holen die sich den gemüsehändler
um die ecke? und keiner kann sich mehr auf die straße trauen. jetzt
plötzlich sind alle gleich. jetzt plötzlich wohnt nicht mehr der eine in
der schhlechten, aber teuren mietwohnung in kreuzberg, wedding oder sonstwo
und der andere in der zehlendorfer villa. jetzt plötzlich verdient der eine
nicht mehr 1000 mark im monat und der andere gibt sie an einem tag aus. die
gleichheit, die im gesetz aufgeschrieben ist, ist plötzlich da, obwohl es
immer noch nur 10% arbeiterkinder an den universitäten gibt (und nicht weil
wir blöder sind), obwohl reiche mit ihrer kohle und ihren beziehungen
weiter im ausland abtreiben und sich ein schönes leben machen, und die cdu,
die weiter gegen die abtreibung ist, und die unternehmer stützt und der
kleine mann weiter der angeschissene ist. wer sich wehrt, ist kriminell,
terroristisch. es sind nicht etwa die schweinischen polizisten, die
jugendheime zerstören, unternehmer, die, wenn's ihnen paßt, hunderte von
arbeitern auf einen schlag auf die straße setzen, richter und polizisten,
die kreiselbauer schonen und automatenknacker erschießen.
wir sind der meinung, daß worte und verbale forderungen nichts nützen, um
das, was in diesem land falsch läuft zu verändern. zuviel ist schon darüber
geschrieben worden, zu viele menschen erleben es täglich am eigenen leibe.
in dieser gesellschaft geht es nur einzelnen gut, die mehrzahl wird
fertiggemacht. was bedeutet es denn, wenn man den ganzen tag ackert und
abends so kaputt nach hause kommt, daß man sich nur noch vor den fernseher
hocken kann?
woher kommen die kindesmißhandlungen, die schlägereien, die selbstmorde?
weshalb passiert das nicht in den villen in zehlendorf und dahlem, sondern
in moabit, wedding und kreuzberg? weil in zehlendorf und dahlem feinere,
bessere, anständigere leute wohnen? es kommt doch nicht von ungefähr, daß
man den meisten arbeiterfrauen ihr alter genau ansieht, während frau
kressmann-zchach als flotte unternehmerin gepflegt und jugendlich ihren
krummen geschäften nachgehen kann. wie hat sich frau busch angestrengt, um
gehör für ihre miserabele lage zu finden! in ihren briefen zeigt sich ganz
deutlich, daß spd und cdu ein und derselbe verein ist. das volk darf wählen
zwischen pest und cholera. das ist die vielbeschworene freiheitlich
demokratische grundordnung!
unser einkommen ist zum verhungern zu viel, aber zum sattwerden zu wenig,
bei diesen preisen, die zur zeit sind. ist es vielleicht in ihrem sinn, daß
der arbeiter nur noch arbeiten, essen und trinken darf und seine miete
bezahlt?- fragt frau busch die parteien. allerdings-, so sieht das aus,
denn je mehr sorgen der arbeiter hat, desto weniger kommt er auf dumme-
gedanken, daß kann allen parteien nur recht sein. davor haben die
herrschenden nämlich die meiste angst: daß das volk sich wehrt, daß es für
seine rechte kämpft. wer das geld hat, hat die macht und wer die macht hat,
hat das recht und wird sich hüten, das alles freiwillig abzugeben. sie
können nur dazu gezwungen werden. ansätze dazu gibt es schon: wilde
streiks, bürgerinitiativen, der kampf gegen den bau des atomkraftwerkes in
wyhl, aber auch formen des widerstandes, die nicht so eindeutig sind: wie
krankfeiern im betrieb oder ganz listig-, wie sich bewohner eines hauses
in tempelhof gewehrt haben: sie haben polizisten, die bei ihnen herum
schnüffelten, kochendes wasser über den kopf gegossen. der schuldige-
konnte nicht gefunden werden.
wir begreifen unseren kampf als teil des allgemeinen widerstandes.
stadtguerilla bedeutet phantasie und tatkraft; fähigkeiten ,die das volk
besitzt. auch wir sind listig, das heißt, wir schlagen nicht wild um uns,
sondern schätzen unsere möglichkeiten realistisch ein, um dann zu handeln.
wir lernen aus der praxis. nur deshalb ist die lorenzentführung eine
perfekte- aktion gewesen. wir sind keine phantome und auch nicht
krankhaft genial-, wie parteien, presse und polizei sich und der
bevölkerung einreden wollen, um ihre eigene erbärmlichkeit zu
bemänteln.
wir haben erkannt, daß man zusammenhalten, sich organisieren muß, wenn man
was erreichen will. zuerst ist man allein, und daher kann man auch nicht
viel machen, aber das heißt nicht resignieren, sondern sich umschauen nach
leuten, die auch so denken und was verändern wollen. davon gibt es
zigtausende. und dann zusammen beginnen, aus eigenen fehlern lernen, sich
aber nicht entmutigen lassen, auch wenn es zunächst und oft aussichtslos
erscheint.
der staat und die polizei sind nicht allmächtig, auch wenn berlin die
größte polizeidichte der welt hat ...
produziert haben wir das auf einer rotaprint in steglitz, in
einer auflage von 30 000. in der erklärung haben wir geschrieben, daß es 50
000 exemplare waren, aber das haben wir aus zeitlichen gründen nicht
geschafft.
immerhin haben wir die 30 000 dinger in nur einer halben stunde
verteilt. das war am 26. märz 75. wir hatten einen plan gemacht
mehrere
packen m-a 250 stück mit jeweils einem straßenzug drauf. das betraf das ganze
stadtgebiet. die packen wurden dann an gruppen verteilt, die sie dann zum
teil weitergegeben haben. die auflage war, nur in der angegebenen straße
zwischen halb acht und acht zu verteilen, weil um acht wurden in berlin
meist die haustüren abgeschlossen. die zeit haben wir auf eine halbe stunde
begrenzt, um eine unnötige gefährdung auszuschließen. wenn einer die
erklärung gleich gefunden und die bullen alarmiert hätte, wären die so 20
minuten später da gewesen. insgesamt waren fast 120 leute
unterwegs.
und den 120 leuten habt ihr vorher gesagt, daß sowas anrollt
und das hat niemand verraten?
ja. letztens hat mir noch einer erzählt, daß sie noch ein
paar dinger über hatten und die gerade noch verbrennen konnten, bevor die
bullen wieder mal ins rauchhaus14 eingerückt sind. das mit dem verteilen
war im prinzip eine alte geschichte, ein sogenanntes schneeballsystem. du
sprichst fünf, sechs leute deines vertrauens an, die dann wiederum jeder
einige weitere ansprechen. nach der drenkmann-geschichte gab es schon
einmal eine flugbattverteilaktion.
da war es eigentlich härter für die leute, und es gab vorher
und hinterher auch härtere diskussionen. da hatten einige nicht
mitverteilt, weil sie mit der aktion nicht einverstanden waren und auch
weil die angst größer war. die verteilaktion nach der lorenzentführung hat
die bullen fast noch mehr geschockt als die entführung selbst. die haben
uns wohl auch die 50 000 geglaubt. die konnten sich natürlich ausrechnen,
wenn in einem sehr kurzen zeitraum soviele dinger in der ganzen stadt
auftauchen, daß da mehr als sechs leute beteiligt gewesen sein mußten.
wieviele seiten hatte die entführung aus unserer sicht?
zehn seiten.
was habt ihr während der verteilung der erklärung
gemacht?
na, wir haben mitgemacht. wir waren zum beispiel im wedding,
um die putte15 rum, weil die bullen damals dort verstärkt streife gefahren
sind. verteilt haben wir in briefkästen, telefonzellen und u-bahnstationen.
damals gab es noch keine kameras in den u-bahnstationen. als wir abgerückt
sind, kamen dann auch die ersten streifenwagen.
hat das in der presse nochmal reingehauen.
ja, wegen der art der verteilung und wegen des inhalts,
wegen den massenentlassungen bei detewe und löwe-opta und der geplanten
fahrpreiserhöhung. na und dann noch, daß klingbeil mit einem mal auch die
andere seite, also die cdu sponsort. wir hatten damit gerechnet, daß sie
versuchen werden es totzuschweigen, war aber nicht so. es gab einen
ziemlichen wirbel, so daß viele das dann auch selber lesen wollten. die
erklärung ist dann auch nachgedruckt worden. die fahrpreiserhöhungen wurden
um ein halbes jahr verschoben und die massenentlassungen wurden dementiert.
politisch war das in der stadt mit der größte erfolg, weil das nochmal auf
begeisterung gestoßen ist, zumal die bullen immer noch ihren
fahndungsapparat auf der straße hatten. darüber haben sich auch einige
zeitungen ziemlich lustig gemacht.
auf jeden fall ging das alles gut und wir räumten auch noch den
keller auf. wir haben alles abgerissen, in blaue müllsäcke gestopft und in
der ganzen stadt verteilt.
und was war da drin?
hauptsächlich styropor, etwas steinwolle und maschendraht.
auf jeden fall war es mit einem mal schwieriger die scheiße loszuwerden,
als wir gedacht hatten. irgendwo haben wir das zeug in eine mülltonne
gestopft, mit einem mal brüllt da eine frau aus einem haus
eh, nicht
unsere mülltonnen vollmachen!
den rest haben wir noch etwas verteilt, noch in andere
mülltonnen, zum teil auf freien plätzen. laut spiegel entluden junge
männer 21 blaue plastiksäcke in einer hochhaussiedlung in marienfeld
ockergelbe rauhfasertapete, braunes klebeband, maschendraht und roten
vorhangstoff. und das wurde ein paukenschlag, weil in der gegend wohnte
nämlich der cdu-politiker rubin16, der sich anfang der 70er jahre selbst
entführt hatte. und dann hatten natürlich alle ihre munition. einige linke,
die sowieso der meinung waren, die aktion wäre nur dazu da gewesen, der cdu
zum wahlsieg zu verhelfen, waren der meinung, aha, das haben sie doch
selbst gemacht. die rechten waren der meinung, wir hätten so gut
durchgeblickt, daß wir dem das zeug absichtlich vor die haustür gepackt
hätten, um die spur in seine richtung zu legen.
die bullen hatten damit unheimlich viel arbeit. die mußten jedes stück
klebeband und alles auf fingerabdrücke hin untersuchen. dann mußten sie das
alles wiegen. die hatten den inhalt der blauen müllsäcke in fünf garagen
verteilt, in der hoffnung, das überdimensionale puzzle zusammensetzen zu
können.
nach ein paar wochen haben sie aufgegeben. daraufhin haben sie versucht
auszurechnen, wie groß der raum gewesen sein muß. lorenz konnte ja sagen,
soundsoviel meter konnte er laufen, dann haben sie kombiniert soundso dick
war die isolation der wände. die bullen waren damals noch blau uniformiert
und sind dauernd besoffen rumgefahren. da gab es einen witz in der bz, wo
du so einen besoffenen bullen auf der straße liegen siehst, zwei bürger
daneben, die meinen: guck mal, da liegen schon wieder lauter blaue säcke
rum.
in der zeit hatten sie angefangen, hunderte von kellern nochmal zu
durchsuchen und waren dann tatsächlich auch in unserem vorkeller drin,
haben aber nichts gefunden. nach zwei wochen haben sie den lkw gefunden,
mit dem wir den müll rumgefahren hatten. eigentlich hätten wir das styropor
auch da reinpacken können. jedenfalls hatten sie im grunde nicht viel
erfolg, weil es ist ja auch klar, wenn da der ganze apparat wochenlang
sucht, wird er irgendwann blind. die kriegen so viele dämliche hinweise,
eigentlich hätten wir da auch noch anrufen müssen, um noch mehr spuren zu
legen.
wie war denn die stimmung in der bevölkerung?
können wir so genau nicht sagen, weil wir das ja nur erzählt
gekriegt haben, aber überwiegend positiv. irgendwie, wie nach einer großen
sportveranstaltung, wo alles gut gegangen ist.
eine woche später sind wir dann nach beirut abgereist. geld
hatten wir genug, weil ein teil von uns 10 tage vor lorenz noch eine bank
gemacht hatte. wir hatten verschiedene routen ausgemacht, um nach beirut zu
gelangen. zwei machten sich auf den trip nach italien und griechenland, der
rest sollte die route über dänemark fahren, allerdings zu verschiedenen
zeiten. wir sind richtigerweise davon ausgegangen, daß wir auf diesem weg
nicht genauer kontrolliert würden.
über westdeutschland war das für uns mit falschen papieren zu dem zeitpunkt
zu riskant. wir sind also von leuten zur u-bahn friedrichstraße gebracht
worden, haben denen die waffen gegeben und sind rauf zum übergang nach
ostberlin. von den ostlern gabs problemlos den visastempel und dann gings
mit der bahn nach saßnitz. in der zeitabsprache untereinander hatten wir
aber einen berechnungsfehler gemacht, so daß wir uns alle auf einer fähre
nach kopenhagen wiedergetroffen haben. bei den dänen gab es auch keine
größere kontrolle an der grenze. irgendwie haben die bullen mit dem weg
wohl nicht gerechnet. von dort sind wir in verschiedene richtungen
abgeflogen.
als treffpunkt hatten wir vorher den strand in beirut vereinbart. die
palästinenser hatten uns geraten, uns nicht in einem der vielen cafés an
der küstenstraße zu verabreden, sondern lieber am strand, da die
straßencafés ein beliebter treffpunkt der geheimdienste waren. wer dort
länger als eine stunde sitzt, ist entweder journalist oder geheimdienstler,
was meistens das gleiche war.
wolltet ihr die befreiten nicht irgendwie wiedertreffen?
ja, klar. deswegen sind wir ja in den libanon
runtergefahren. erstmal hatten wir dort dann als programm eine kleine
ausbildung, was vorher abgesprochen war. das treffen mit den befreiten
wollten wir langsam angehen, nicht wegen der westlichen geheimdienste,
sondern wegen dem israelischen. die waren nämlich die einzigen bei der
entführung gewesen, die richtig vorhergesagt hatten, wo die maschine landen
würde.
das mit dem treffen hat aber leider nicht geklappt. unsere
palästinensischen kontaktleute erklärten, daß wir uns zu dem zeitpunkt
nicht treffen könnten, da so viele verschiedene leute, journalisten,
geheimdienstler, verwandte etc. in den südjemen unterwegs waren, um die
befreiten zu treffen. darüber waren die jemeniten ziemlich sauer, weil die
ihre ruhe wollten. als dann einige zeit später ein treffen stattfinden
sollte, haben uns unsere palästinensischen kontaktleute sehr höflich
gesagt, wir müßten den libanon schnellstens wegen des beginnenden
bürgerkriegs verlassen, da sie nicht mehr für unsere sicherheit garantieren
könnten. da es für uns nun unklar war, wie sich das alles weiterentwickeln
würde, ist die hälfte der leute zurück in die brd, der rest ist weiter nach
damaskus, syrien gefahren und erst später hierher zurückgekehrt.
was ist aus den fünf von der entführung eigentlich
geworden?
alle die, die befreit wurden, haben auch nach ihrer
befreiung weitergekämpf wenn auch in unterschiedlichen zusammenhängen.
rolf heißler ist 1979 in frankfurt-sachsenhausen festgenommen
worden. er erhielt bei seiner festnahme einen kopfschuß. überlebt hat er
das nur, weil er vorher gemerkt hatte, daß irgendwas nicht stimmen würde,
so daß er sich gerade noch eine aktentasche mit tageszeitungen vor den kopf
halten konnte. die kugel ist dadurch abgelenkt worden. vorher fielen schon
elisabeth van dyck und willi peter stoll der todesschußfahndung zum
opfer. zu der zeit war rolf bei der raf, zu denen ist er ja im prinzip
schon vor der befreiung gegangen. er sitzt nun wieder, zu lebenslänglich
verurteilt, in bayern im knast.
rolf pohle ist am 21. juli 1976 in athen verhaftet worden. es gab ein
ziemliches gezerre um seine auslieferung an die brd. in griechenland gab es
eine große unterstützungskampagne mit massendemonstrationen. sein
griechischer verteidiger während des auslieferungsverfahrens wurde später
justizminister. der richter, der in der 1. instanz eine auslieferung
abgelehnt hatte, ist griechischer staatspräsident geworden. es ist der
gleiche richter, auf den sich der film z von costa-gavras bezieht. die
brd übte aber einen immer größeren druck auf die griechische regierung aus,
so daß später doch eine höhere instanz der auslieferung zustimmte. rolf
wurde nochmal entgegen den griechischen auslieferungsbedingungen zu
weiteren dreieinhalb jahren verurteilt. zu beginn der 80er jahre kam er
wieder raus und lebt jetzt in athen.
ina siepmann ist zunächst wieder in die brd zurückgekommen und gegen ende
1977 in den libanon gegangen. für sie wurde die situation, einerseits als
verlängerter arm der befreiungsbewegungen der sogenannten 3. welt hier zu
kämpfen, andererseits aber keine perspektive für veränderungen in der brd
zu sehen, immer schizophrener, so daß sie sich entschloß, direkt vor ort am
kampf der palästinenser teilzunehmen. soweit wir wissen, hat sie in einer
palästinensischen frauenbrigade gekämpft und ist bei der israelischen
invasion 1982 ums leben gekommen. die israelis hatten nach ihrem einmarsch
1982 alle gräber geöffnet und die leiche einer blonden frau gefunden. sie
hatten darauf erklärt, zu 95 prozent sicher zu sein, daß diese frau ina
gewesen wäre.
verena becker ist im frühjahr 1977 während der hochphase der raf-fahndung
zusammen mit günter sonnenberg verhaftet worden. beide wurden bei ihrer
festnahme angeschossen und später zu lebenslänglicher haft verurteilt.
verena wurde begnadigt, ist 1989 rausgekommen und wohnt jetzt in
berlin.
gabriele kröcher-tiedemann wurde gemeinsam mit christian möller nach einer
schießerei im dezember 1976 an der schweizer grenze verhaftet. sie war 13
jahre für mordversuch in der schweiz im knast. gleichzeitig gab es
langwierige auslieferungsverfahren, weil sie in der brd noch eine
reststrafe offen hatte und weil es noch das verfahren wegen des angriffs
auf die opec-konferenz 1975 in wien gab. 1989 wurde sie dann an die brd
ausgeliefert. im prozeß wegen der opec-geschichte hat sie sich explizit vom
bewaffneten kampf distanziert und gesagt, daß alles falsch gewesen wäre.
daraufhin ist sie freigekommen. sie lebt jetzt schwer krank in der
brd.
das heißt, ihr habt keinen von denen, die ihr befreit habt, in
den 20 jahren danach wiedergesehen?
nur verena becker hier in berlin.
fußnoten
1 holger meins-demo
siehe chronologie unter 9. november
1974
2 die bewegung 2. juni hat normalerweise mit einem schloßausdreher
gearbeitet, sozusagen als markenzeichen, so daß den bullen gleich klar war,
daß es sich um eine politische aktion handelt.
3 wilfried bony böse, 1949-1976, im juni 1975 in paris mit falschen
papieren festgenommen, mitglied der revolutionären zellen (rz), beteiligt
an der entführung einer passagiermaschine nach entebbe 1976, wo er bei der
erstürmung durch ein israelisches kommando erschossen wurde; siehe
chronologie unter 27. juni 1976. (näheres in der broschüre texte zu gerd
albartus, erhältlich in jedem guten infoladen, sowie die früchte des
zorns, rz-schriften in zwei bänden, edition id-archiv, 1993.)
4 sigurd debus wurde 1974 festgenommen und zu 12 jahren haft wegen
versuchtem banküberfall und bildung einer kriminellen vereinigung
verurteilt. er starb 1981 im hungerstreik der gefangenen aus raf und
widerstand. durch die behandlung während der zwangsernährung hatte er eine
tödliche hirnblutung erlitten.
5 wir die tupamaros, einst im verlag roter stern erschienen, siehe
chronologie.
6 werner sauber, säuberli, war mitglied in der bewegung 2. juni. er
ging anfang 1974 nach köln, um den widerstand in den betrieben zu
organisieren und arbeitete unter falschem namen bei klöckner-humboldt-deutz
an der stanze. er wird am 9.05.75 auf einem parkplatz in köln von der
polizei erschossen siehe chronologie 9. mai 1975.
7 zu risiken und nebenwirkungen lesen sie die packungsbeilage oder
fragen sie ihren arzt oder apotheker.
8 hamburger klamauk theater mit heidi kabel.
9 fürstenfeldbruck; siehe chronologie 5. september 1972. rammelmeier war
ein gangster, der mit einem partner in münchen 1971 eine bank überfiel und
geiseln nahm. beim fluchtversuch wurde er und eine geisel von der polizei
erschossen.
10 klaus schütz, spd, regierender bürgermeister von west-berlin von 1967
bis 1979.
11 benannt nach dem damaligen innenminister gerhardt baum, fdp, der das
abschwören vom bewaffneten kampf zur voraussetzung für die freilassung
einführte.
12 die ursprüngliche forderung, die freizulassenden gefangenen nach
west-berlin einzufliegen, wurde fallengelassen, weil die lufthansa durch
alliierte vorbehalte keine landeerlaubnis in west-berlin hatte. um
verzögerungen im ablauf der aktion zu vermeiden, wurde auf frankfurt
umdisponiert.
13 weißbeckerhaus, wilhelmstraße 9 in berlin-kreuzberg. benannt nach
thomas weißbecker; siehe chronologie juli 1971, 2. märz 1972.
14 rauchhaus, mariannenplatz in berlin-kreuzberg. benannt nach georg von
rauch, umherschweifende haschrebellen; siehe chronologie juli 1971, 4.
dezember 1971
15 putte: besetztes jugendzentrum in der putkammerstraße,
berlin-wedding; siehe chronologie 1972
16 berthold rubin, geb. 1912, suspendierter byzantistik professor und im
csu freundeskreis aktiv. täuschte 1971 vier tage lang sein eigenes
kidnapping durch die baader-meinhof-terroristen vor, um seinen
christdemokratischen freunden zum wahlsieg zu verhelfen. das mannöver flog
auf.
aus: die bewegung 2.juni
gespräche
über haschrebellen, lorentz-entführung und
knast
edition id-archiv
isbn: 3-89408-052-3
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