Ein trojanisches Pferd und seine Reiter

Gerhard Schröder, Horst Mahler, Bernd Rabehl und die „Berliner Republik"

Von Wolfgang Kraushaar

Die Aufnahme wurde im Moment des Triumphes gemacht. Sie zeigt einen strahlenden Gerhard Schröder mit seiner Frau. Es war der Abend des 27. Septembers, der Augenblick des Wahlsieges. Und darunter stand die Überschrift: „Der Geheimagent des Weltgeistes". Autor: Der Ex-APO-Anwalt und RAF-Mitbegründer Horst Mahler. Nun, die Leser der „Süddeutschen Zeitung" dürften nicht wenig gestaunt haben, als sie drei Tage nach der Bundestagswahl einen solchen Artikel im Feuilleton ihres Blattes vorfanden. Die Beziehung zwischen Bild und Titel war eindeutig ­ als Geheimagent kam nur der neue Bundeskanzler in Frage.

Reichskanzler im Bundestag
Und wer sich die Mühe machte, das hegelianisch verschlungene Traktat zu lesen, mußte letzte Zweifel ausräumen. Mit der Titelfigur ­ einer Mischung, die aus John le Carrés „Spion, der aus der Kälte kam" und Hegels „Phänomenologie des Geistes" gespeist sein könnte ­ ist tatsächlich Schröder gemeint. Mahler begibt sich offenkundig in die Pose eines Möchtegern-Chefideologen des Kanzlers. Während er dessen Vorgänger Kohl vorwirft, dieser habe „Deutschland als Nation in das vereinigte Europa auflösen" wollen, fordert er seinen Nachfolger auf, die Nation zu retten und „das deutsche Volk wieder zusammenzuführen". Dabei habe er die Aufgabe, über das Projekt einer kleinen Koalition zwischen SPD und CSU nachzudenken, Rußland „geopolitisch zuverlässig in den christlichen Kulturkreis einzubinden" und die Initiative zur Sanierung des maroden Weltfinanzsystems zu übernehmen. Die „nationale Wiedergeburt Deutschlands" vollziehe sich auch in der SPD.

Nationalsozialismus99Die Sache schien klar: Der ehemalige Verfechter des bewaffneten Kampfes wähnt sich heute in der Rolle eines Herolds der Nationalrevolutionären. In der für solche Protagonisten charakteristischen Haltung prügelt er vor allem auf den Liberalismus und den Rationalismus ein. Sein antiaufklärerischer Impetus wird in der rechtspopulistischen Überzeugung deutlich, die „rationalistische Denkart" mache das Gemeinwesen „politikunfähig". Die Tatsache, daß Johannes Willms, der für das Feuilleton verantwortliche SZ-Redakteur, einen Tag später unter der Überschrift „Der Renegat" eine Legitimation für den Abdruck nachgeschoben hat, die den Text nachträglich zum Dokument erklärte, verstärkte nur den Eindruck, daß hier im Zuge der Schadensbegrenzung die Konturen verwischt werden sollten. In den Wochen darauf wurde in den Leserbriefspalten über Sinn und Unsinn des ungewöhnlichen Pamphlets gestritten. Durch einen Mehrzeiler des Kanzlers, in dem dieser gönnerhaft verlauten ließ, daß er die Leserschaft der SZ nicht länger mehr im unklaren belassen wollte, wurde die Kontroverse schließlich mit der Zusicherung beendet, daß an den Gerüchten nichts dran sei. Doch seitdem schießen die Spekulationen erst richtig ins Kraut. Bekannt ist, daß Schröder seinem Berufskollegen Mahler die Wiederzulassung als Anwalt vor Gericht erstritten hat. Bekannt ist auch, daß beide seitdem freundschaftlich verbunden sind.

In einem seiner Artikel, die er vorzugsweise in der „Jungen Freiheit" publiziert, ergeht Mahler sich darin, den Holocaust mit dem GULag-System zu vergleichen und deren Vernichtungslogiken Ausgeburt der Vernunft zu interpretieren. Die Deutschen seien, beklagt er, „durch die moralische Weltanschauung gebändigt" worden. Nun käme es darauf an, diese Fesselung des Bewußtseins, die nach Hegel nichts anderes als ein „Nest gedankenloser Widersprüche" sei und ihn in die RAF geführt habe, aufzusprengen. Erst wenn die Weltanschauung der Gutmenschen überwunden sei, könne „das Vernünftige des großen Tötens" ­ gemeint sind neben dem Holocaust und dem Archipel GULag auch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sowie die Killing Fields in Kambodscha ­ erkannt werden. Mit der militärischen Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg sei die Gestalt nicht zu brechen gewesen, die „der absolute Geist unter Adolf Hitler im deutschen Volk angenommen" hätte.
 

Deutschlands Europaeische Sendung
 
In zwei erst kürzlich gegebenen Interviews hat Mahler weitaus weniger verquast deutlich gemacht, wohin die politische Reise seiner Ansicht nach nun zu gehen hat. Er lehnt darin Schuldbekenntnisse wegen der NS-Vergangenheit kategorisch ab, warnt davor, „auf den blankliegenden Nerven der Deutschen herumzutrampeln" und droht damit, daß die Deutschen auch einmal „böse" werden könnten. Als Gegenmaßnahme zur „Überfremdungspolitik der Regierungskoalition" propagiert er eine „nationale Sammlungsbewegung". Sie soll dort einsetzen, wo die Unterschriftenaktion der Union aufhört: Als „Bewegung des deutschen Volkes zur Wahrung seiner Lebensinteressen". Dabei macht Mahler aus seiner Verachtung für Parteien keinen Hehl und erklärt gönnerhaft, Stoiber könne dabei ebenso mitmachen wie der NPD-Funktionär Günter Deckert. Auf die Parteien werde es, versichert er, ohnehin „nicht mehr ankommen".

Eine strafrechtliche Verfolgung von Auschwitz-Leugnern lehnt der Jurist kategorisch ab. Diese Leute dürften nicht kriminalisiert werden; schließlich glaubten sie, was sie sagten. Da sie den Gedanken nicht ertrügen, daß Deutsche den Holocaust zu verantworten hätten, erwiesen sie sich ganz im Gegenteil „als Gutmenschen mit moralischem Kompaß". Sie seien im Grunde Märtyrer, da sie es auf sich nehmen würden, „für die nationale Sache ins Gefängnis zu gehen".

Einer seiner früheren Mitkämpfer aus APO-Zeiten, Bernd Rabehl, heute Professor für Soziologie an der FU Berlin, hat in einem Vortrag inzwischen eine ähnliche Richtung eingeschlagen. Vor Mitgliedern der Burschenschaft „Danubia" referierte der 60jährige im Münchner Stadtteil Bogenhausen, zum Thema „Mythos 1968" eingeladen, Anfang Dezember 1998 über die angeblich nationalrevolutionären Wurzeln der antiautoritären Bewegung.

neue Fuehrer braucht das LandIn Europa, so Rabehls Ausgangsthese, bewirke „politische Überfremdung die grundlegende Zerstörung von Volk und Kultur". Dies sei dann besonders dramatisch, wenn die „Auflösung der nationalen Identität" bereits so weit fortgeschritten sei wie in Deutschland. Ein Ausweg aus der als äußerst bedrohlich geschilderten Situation sei nur möglich, wenn die „Tabuisierung der deutschen Frage" durchbrochen und diese erneut zum Fixpunkt einer politischen Neubestimmung werde. Dafür wiederum habe der Aufbruch der Studentenbewegung in den sechziger Jahren einen beispielgebenden Charakter. Die „nationale Frage" hätte insbesondere für ihn und Rudi Dutschke, die zuvor beide aus der DDR geflohen waren, eine maßgebliche Rolle bei der Entstehung einer außerparlamentarischen Opposition gespielt.

Ziel der beiden „Nationalrevolutionäre" Dutschke und Rabehl sei es gewesen, „zu den nationalen Grundlagen von Sozialismus, Freiheit und Unabhängigkeit" zurückzukehren. Bei den Demonstrationen gegen die nordamerikanische Kriegspolitik in Vietnam sei es zugleich um die „nationale Befreiung" Deutschlands gegangen. Diese Zielsetzung sei von dem geteilten Land in Südostasien auf das eigene übertragen worden. Beim Vietnam-Kongreß im Februar 1968 habe man sogar geglaubt, daß die Zeit reif sei, „die Großmächte aus Zentraleuropa zu vertreiben". Der Internationalismus, faßt Rabehl seine Retrospektive zusammen, „trug die Farben nationaler Empörung". Dennoch seien er und Dutschke mit ihrem Versuch gescheitert, die deutsche Einheit innerhalb der Linken zum Thema zu machen. Der gesamte Aufbruch in den sechziger Jahren erhält bei ihm Züge eines unfreiwillig-tragischen Scheiterns. In Wirklichkeit seien die APO-Aktivisten „nützliche Idioten" gewesen, die die Westintegration, die Amerikanisierung und die Politik der re-education fortgeführt hätten.

NATiOnalismus is doch fuer den ArschSeine Argumentation hat große Ähnlichkeiten mit dem, was Caspar von Schrenck-Notzing in seinem 1965 unter dem Titel „Charakterwäsche" veröffentlichten Buch vertritt. Der Vordenker der Rechtskonservativen hatte damals angeprangert, daß die US-Besatzungsmacht das deutsche Volk mit den Mitteln der psychologischen Kriegsführung umerziehe und in diesem Zusammenhang Exponenten der Frankfurter Schule eine Schlüsselrolle zugewiesen. Diese Soziaiwissenschaftler erscheinen bei ihm als ideologische Agenten, die als jüdische Theoretiker kein anderes Ziel verfolgten, als die Identität des deutschen Volkes auszuhöhlen und dessen Kultur in Mißkredit zu bringen. Wenn Rabehl schreibt, daß die von den amerikanischen Deutschlandspezialisten 1944/45 geplante „psychologische Aktion", die das Ziel verfolgt habe, „die nationale Tradition aufzulösen", inzwischen als verwirklicht angesehen werden müsse, dann stimmt er der These von der „Charakterwäsche" des deutschen Volkes zu.
 

AusschwitzRabehls Vortrag klingt so, als habe hier jemand seine Wurzeln wiederentdeckt. Alles kreist um die Zentralbegriffe Volk, Nation, Kultur und Identität. Nichts davon wird in Frage gestellt oder in irgendeiner Weise problematisiert. Von der NS-Vergangenheit, gar vom Holocaust ist überhaupt keine Rede mehr. Alles, was Deutschland und die Deutschen in Verruf gebracht hat oder erneut in Verruf bringen könnte, wird ausgespart. Die deutsche Geschichte bleibt im Grunde völlig schattenlos. Das deutsche Volk spielt bei ihm ausnahmslos die Rolle eines Opfers.

Kampf der Nationen 1999Mit Verwunderung hat die Öffentlichkeit registriert, daß der neue Bundeskanzler offenbar Wert darauf legt, eine Nation zu präsentieren, die mit unübersehbarem Stolz, gewachsenem Stärkegefühl und unverhohlenem Souveränitätsanspruch sowie frei von Schuldbewußtsein ist. Es begann damit, daß sich Schröder der Aufgabe entzog, an einem Festakt zum Ende des Ersten Weltkrieges zu erscheinen. Dies hat insbesondere im westlichen Ausland zu Spekulationen darüber geführt, ob es der Kanzler vermeiden wolle, sich bei historischen Ereignissen zu zeigen, die mit einer militärischen Niederlage der Deutschen verbunden seien. Das Projekt einer Renationalisierung scheint in den Raum des politischen Handelns eingerteten zu sein. Dieser Verdacht erhielt erneut Nahrung, als sich Schröder mehrfach auf angreifbare Weise zur Europapolitik seiner Regierung äußerte. Wichtigstes Ziel der Deutschen beim Antritt ihrer EU-Ratspräsidentschaft sei es, erklärte er mit ostentativer Verärgerung, die Nettozahlungen Deutschlands in den Brüsseler Haushalt zu reduzieren. In der EU dürfe nicht länger mehr „Scheckbuchdiplomatie" praktiziert werden.

Vieles spricht dafür, daß es, wie von dem kalifornischen Politikwissenschaftler Andrei S. Markovits befürchtet, paradoxerweise gerade die rot-grüne Regierungskoalition, die in ihrer Mehrheit die 68er-Generation repräsentiert, sein könnte, die einen Schlußstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen wird. Mit dem gewachsenen historischen Abstand gibt es sicher eine Reihe objektiver Gründe, die für eine weniger affektgeladene Beziehung zum Holocaust, zum NS-System und dem ganzen immer noch schier unentwirrbaren Knäuel von Scham und Schuld stehen könnte, allerdings muß gerade der mit der Verweigerung symbolischer Akte einhergehende Pragmatismus der Regierung Schröder den Verdacht nähren, daß sie die historische Verantwortung für das Geschehene am liebsten wie ein unpassend gewordenes Kleid ablegen möchte.

FischerDie illustre Reihe derjenigen, die in den sechziger Jahren zum Sturz der Republik von links aufriefen und sich heute dem Verdacht aussetzen, daß sie es nun von rechts versuchen, ist noch nicht besonders groß, ihre Zahl nimmt dennoch aber erkennbar zu. Dem Weg des Publizisten Günter Maschke, der, einst SDS-Mitglied, angeblich durch seine Kuba-Erfahrung bereits Anfang der siebziger Jahre zum bekennenden Rechtsradikalen wurde, sind zunächst nur wenige gefolgt. Inzwischen jedoch sind es, wie ein in einem österreichischen Verlag unter dem Titel „Bye-Bye 68" erschienener Band belegt, in dem „Renegaten der Linken, APO-Abweichler und allerlei Querdenker" zu Wort kommen, eine ganze Reihe, die sich mit dem Abschiedsgruß schmücken. Wie weit sie dabei zu gehen bereit sind, zeigt eine zum Jahreswechsel von Mahler, Maschke und der frühere SDS-Aktivist Reinhard Oberlercher herausgegebene „Kanonische Erklärung zur Bewegung von 1968", in der die Rebellion mit dem 17. Juni 1953 verglichen und zum „zweiten deutschen Aufstand gegen eine Besatzungsmacht" umgedeutet sowie die RAF in die Tradition der Urburschenschaft eingebettet und in „Waffen-SDS" umbenannt wird.

Mahler und Maschke, Oberlercher und Rabehl: Wie auf einem Schachbrett, auf dem die Figuren von einer unsichtbaren Hand geführt werden, ordnen sich die Positionen neu zu. Was früher als revolutionär und linksradikal galt, das erscheint heute, nur unwesentlich verändert, als rechtsradikal oder gar als neofaschistisch. Der Substantialismus der Kategorien und der Essentialismus ihres argumentativen Einsatzes verraten, daß es hier weniger um eine Veränderung des Intellekts als um einen Ausbruch der Mentalität geht. Als seien politische Überzeugungen jahrzehntelang lediglich auf der Oberfläche von Programmen und Bekenntnissen hergetrieben worden, dringen nun auf einmal Entitäten vom Grund des Bewußtseinsstromes nach oben und beanspruchen mit Nachdruck ihren Platz in der Politik. Es könnte sein, daß Berlin der Magnet ist, der sich in der unsichtbaren Hand befindet.

Reichstags der berliner RepublikDie Herolde, die zum Marsch in die „Berliner Republik" blasen, nehmen jedenfalls seit dem Machtwechsel in Bonn ständig zu. Inzwischen ist beim Gebrauch des politischen Etiketts bereits ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten. Auch der Bundeskanzler hat in seiner Regierungserklärung nicht darauf verzichten wollen. Die Protagonisten dieser schleichenden Umbenennung müssen sich jedoch fragen lassen, welches Gepäck sie eigentlich mit sich führen. Denn offenkundig rücken sie mit ihrer Bezeichnung von der Bundesrepublik ab. Diese, die sogenannte alte Bundesrepublik, ist ja 1990 nicht abgeschafft, sondern nur erweitert worden. Der Ortswechsel von Bonn nach Berlin allein kann die Redeweise von der „Berliner Republik" jedenfalls nicht begründen. Das semantische Feld wird damit weit geöffnet, zu weit, um nicht befürchten zu müssen, daß damit auch ganz andere Werte, als sie bislang von der Verfassung gedeckt sind, ins Selbstverständnis einer deutschen Republik eingeschmuggelt werden könnten.

Wolfgang Kraushaar ist Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung.

DIE WELT, 13.3.1999
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